Das anthropomorphe Haus Experimentelles Haus von Gaetano Pesce

An einem entlegenen Strand im brasilianischen Bahia baute Gaetano Pesce vor 20 Jahren ein schillerndes Ferienhaus und künstlerisches Manifest. Eine russische Mäzenin will das Meisterwerk des italienischen Designers nun vorm Verfall retten.

Wasser ist für Gaetano Pesce mehr als die ewige Quelle der Inspiration, es ist für ihn das weibliche Element schlechthin. Mit ihrem flexiblen, offenen, fließenden Denken gebührt den Frauen jene Zukunft, der er selbst seit Beginn seiner Karriere fiebrig entgegenexperimentiert.

Haus von Gaetano Pesce in Bahia

Das Haus ist ein Körper, außen bedeckt von Schuppen, innen mit sichtbaren Nasen und Mündern. Die Malereien in und am Haus fertigte Gaetano Pesce selbst. Auch die Deckenleuchte aus widerspenstigem Metall stammt von ihm. Die kräftigen Farben sind eine Anleihe bei der Kultur der Afrikaner, die Einfluss auf die brasilianische Zivilisation genommen hat.

Zwischen dem Atlantik und einer Lagune in Bahia, Brasilien, fand der 73-jährige Architekt und Philosoph in den 90er-Jahren einen idealen Ort für seine Erkundungen jeglicher Art, vor allem das Erforschen synthetischer Baustoffe als Fundament einer zeitgenössischen Formensprache. Brasilien ist für seine nachsichtigen Bauvorschriften bekannt. Das Ferienhaus, das Pesce (A&W-Designer des Jahres 2006) dann vor rund 20 Jahren in Itacimirim baute, sollte ein Exempel für seine Theorien liefern. Noch heute leuchten die Kunstharzschindeln der Fassade unvermindert in Juwelenfarben – wie Schuppen eines freundlichen Drachens. Andere gleichzeitige Versuche – ein Pavillon aus Gummi etwa – erwiesen sich als weniger haltbar. Für Pesce kein Misserfolg. Ihm zufolge ist Perfektion „nicht charakteristisch für den Menschen“. Er mag defekte Dinge, ähnlich wie die japanischen Aristokraten, die versehrte Objekte solchen ohne Makel vorzogen.

Er machte es sich zur Mission, Architektur und Design zu humanisieren. Immer wieder fertigt er anthropomorphe Möbel: einen Sessel, der dem Körper einer Frau gleicht, einen Thron, der sich wie ein Mantel um den Sitzenden schließt, oder einen Schrank, der ein Paar in inniger Umarmung darstellt – bis man es beim Öffnen der Türen trennt. In Bahia hat Pesce eine Wand als menschliches Profil gestaltet. Vor allem frönt er einer leidenschaftlich ausgelebten Lust an der Polychromie, an die er fest glaubt: „Leben ist Energie, und die ist gleichbedeutend mit Farben. Das ist Freude“, erklärt Pesce, und damit ein Gegensatz zu dem, wie er meint, „kühlen Geist der Moderne“. Er wehrt sich gegen das „Weniger ist mehr“-Axiom: „Reduzieren, reduzieren – am Ende haben wir nichts!“ Wie seine Vorbilder Michelangelo, Leonardo da Vinci oder Raffael hat er sich der Poliphilie – der Liebe zu vielen verschiedenen Dingen – verschrieben: „Die französische Revolution kämpfte um Gleichheit – heute geht es um Vielfalt.“

Seine vielen Projekte und Reisen erlaubten dem geborenen Nomaden, der seit 1980 in New York lebt, nur seltene Besuche seines paradiesischen Fleckens am Wasser. Die Zeit rüttelte an den Fundamenten der Gebäude, und Anfang des Jahres willigte Pesce schließlich in den Verkauf des Grundstücks ein. Ein russischer Fotograf aus der Umgebung schickte Bilder der nun zum Abriss verdammten „Casa do Artista“ an eine Sammlerin von Gaetano Pesces Werken in St. Petersburg. Die beschloss, nicht nur das fragile Gebäude zu retten, sondern auch das gute Dutzend weiterer Projekte für Itacimirim zu finanzieren, die bisher allein auf dem Papier existierten. Gaetano Pesce hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seine Mitmenschen zu überraschen. Nun ist einmal er erstaunt.

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Autor:
Claudia Steinberg