Die Initiative Living Architecture Interview mit Alain de Botton

Zu einem Studentenheimtarif kann jeder Ferienhäuser internationaler Stararchitekten mieten. Der englische Philosoph Alain de Botton will seinen Zeitgenossen mit der Initiative Geschmack beim Wohnen anerziehen.
Interview mit Alain de Botton

Balancing Barn 2

Balancing Barn

Sie haben Balancing Barn getestet. Wie fühlt es sich an? Das Haus ist elegant, ein Triumph über eine architektonische Herausforderung. Spannung entsteht, man spürt förmlich die Möglichkeiten, die wir heute haben. Dabei wirkt es mit hölzernen Oberflächen im Inneren und der warmen, fast altmodischen Einrichtung so gemütlich, dass es schwer wird, sich wieder zu trennen. Man fragt sich, warum das Leben nicht so bleiben kann.

Womit erzeugt moderne Architektur die positive Spannung? Sie schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit zu unserer Zeit, lässt uns über unsere Ära mit Selbstvertrauen und Kraft nachdenken. Sie verhindert, dass wir uns vor dem Hier und Jetzt verstecken wollen.

In erster Linie wollen Sie Ihre Landsleute bekehren. Warum sitzt bei den Briten das Unbehagen gegenüber moderner Architektur so tief? Großbritannien war die erste Industrienation der Welt. Die Lebensbedingungen veränderten sich rasend schnell. Während die Gegenwart Angst machte, verklärte Nostalgie die Vergangenheit. Daraus entstand diese Leidenschaft für alles Altmodische, selbst wenn es nur scheinbar alt ist wie Neo-Georgian und Neo- Tudor. Heute ist London zwar eine der kreativsten Metropolen der Welt, ein Magnet für Designer und Modeschöpfer. Und das Blättern in Designmagazinen kann einen tatsächlich glauben machen, Briten seien mit Gegenwarts-Architektur so vertraut wie mit internationaler Musik. Aber Sie brauchen nur etwas an der kosmopolitischen Oberfläche zu kratzen, dann zeigt sich jenes England, das Altes liebt. Die Country-Hotels wetteifern darin, uns zu beweisen, wie alt sie sind. Ferienhäuser werben damit, dass sie schon existierten, als Jane Austen noch ein junges Mädchen war. Ich hoffe, dass unser Projekt die Anhänger von Prinz Charles mit der Moderne versöhnt.

Dune House

Dune House in Suffolk von JVA will Tradition und Moderne verbinden.

Welchen praktischen Effekt soll also das Probewohnen haben?
Es soll den Geschmacksstandard heben. Wenn man sieht, wie schnell das beim Kochen ging, bin ich sehr optimistisch. In kürzester Zeit haben Konsumenten gelernt, sich kritisch nach Salz- und Kaloriengehalt von Nahrungsmitteln zu erkundigen. Ich hoffe, dass Living Architecture eine ähnliche Debatte darüber anheizt, was qualitätvolles Wohnen bedeutet.

Was wird Living Architecture in Zukunft bringen? Wir möchten jedes Jahr mit einem Projekt etwas Neues ausprobieren. Auf der Isle of Sheppey wollen wir zum Beispiel einen Wohnturm errichten, in Fenland, East Anglia, das Haus für einen modernen Eremiten bauen, außerhalb von Aberdeen ein Low-Budget-Öko-Gebäude und in den Mooren von Yorkshire ein WG-artiges Haus für eine geschiedene Familie neu entwickeln.

Weitere Infos unter www.living-architecture.co.uk

Seite 2 : Interview mit Alain de Botton
Autor:
Dorothea Sundergeld