Origenelle Hochhäuser in New York Experimentelle Architektur

New York wollte schon immer hoch hinaus (und musste es auch wegen der Grundstückspreise). Besonders originell waren die Wolkenkratzer aber selten. Jetzt hat ein Umdenken stattgefunden. Erstmals dürfen hier die internationalen Stararchitekten mit gewagten Entwürfen nach den Sternen greifen.

Experimentelle Architektur manifestierte sich in New York von jeher mit wenigen Ausnahmen in den Interieurs von Apartments, Lofts und Boutiquen. Dann kam die Katastrophe des 11. September und die Diskussion über das Design der zukünftigen Hochhäuser auf Ground Zero. Sie rückte die Avantgardearchitektur ins öffentliche Bewusstsein. Zwar hatte Frank Gehrys Bilbao Museum internationale Pilgerreisen initiiert, aber ob die Stararchitekten für den Hochseilakt vom musealen Elfenbeinturm zum spektakulären Büroturm gewappnet waren, war deshalb noch nicht gewährleistet. Aus den Trümmern des World Trade Centers – laut Architekturkritikerin Ada Louise Huxtable „eine Immobilie, die ihre Schönheit allein den Zufällen des Wetters verdankte“ – durfte nur Erhabenes entstehen. Santiago Calatravas Entwurf für den Verkehrsknotenpunkt an der Peripherie des geheiligten Geländes setzte die Idee des Phoenix aus der Asche mit einer skulpturalen Eingangshalle aus Stahl und Glas um. Er erinnert an die Schwingen eines Vogels im Flug.

Die Friedenstaube des Spaniers ist nicht das einzige unter den ambitionierten Architekturprojekten Manhattans, das mit mehr oder weniger subtiler Symbolik verführt: Frank Gehrys Firmensitz für Barry Dillers Medien- und Internetimperium IAC am Ufer des Hudson von 2007 stellt ein gläsernes Schiff mit geblähten Segeln dar, während die „New York Times“ ihre journalistischen Ideale der Transparenz und Klarheit mit einem geradlinigen, scharfkantigen Bau poetisch überhöht. Renzo Piano hat das einen Block vom Times Square entfernte neue Hauptquartier der Zeitung in die Tradition von Mies van der Rohes funktionalistischem Seagram Building von 1958 gestellt, doch statt dunkler Fensterscheiben verwendete er klares Glas. Ein feiner Schleier aus horizontalen Keramikstäben zerstreut das Licht und verleiht der Fassade ein homogenes Gesicht. Anstelle einer typischen Wolkenkratzerkrone, wie sie das Chrysler Building als Wahrzeichen trägt, verlängerte Piano den Schirm um sechs Etagen über das Dach hinaus mit dem Effekt, als würde sich der Turm gen Himmel auflösen.

Autor:
Claudia Steinberg