Origenelle Hochhäuser in New York Ökologie

New York wollte schon immer hoch hinaus (und musste es auch wegen der Grundstückspreise). Besonders originell waren die Wolkenkratzer aber selten. Jetzt hat ein Umdenken stattgefunden. Erstmals dürfen hier die internationalen Stararchitekten mit gewagten Entwürfen nach den Sternen greifen.

Wichtig ist heutzutage das Thema Ökologie. Die meisten Gebäude tragen ihre energiebewussten Strategien auf der Haut, wie Gehrys weiße Fregatte, deren gefrostete Thermalscheiben zum Stilmerkmal geworden sind. Die Entdeckung nichtreflektierenden Glases hat zu durchsichtigeren Gebäuden geführt, zugleich wird der Glaskörper selbst zum Temperaturregulator und Informationsträger. Jean Nouvels geplanter, vorläufig auf Eis gelegter 75-etagiger Wohn- und Hotelturm, der drei Ebenen als Ausstellungsräume für das MoMA nebenan vorsieht, spielt mit dem klassischen Wolkenkratzerjargon der Glasfassade. Er fragmentiert sie jedoch durch das irreguläre geometrische Muster, das die nach außen gepressten Stahlrahmen bilden: In der dramatischen Animation überragt der asymmetrische Bau als ein von Ungeduld getriebener Glasberg um ein Vielfaches den harmonischen Erweiterungsund Modernisierungsbau des MoMA, den Yoshio Taniguchi 2004 vollendet hatte. Auch Frank Gehrys Beekman Tower, der an der Rampe zur Brooklyn Bridge und in unmittelbarer Nähe zum Woolworth Building aus dem Boden wächst, bricht den historisierenden Charakter des Art-déco-Monolithen mit einem gleißenden, zerknitterten Aluminiumgewand, in dessen Faltenwurf sich das Licht zu Rinnsalen sammelt.

Der New Yorker Wolkenkratzer hat sich von Anbeginn durch Schlankheit ausgezeichnet. Erst in den 60er-Jahren nahmen Gebäude an beiden Ufern der Insel an Masse zu, doch in jüngerer Zeit hat sich ein nahezu magersüchtiges Model als Schönheitsideal durchgesetzt: Die Kombination von knapper werdendem Bauterrain und technologischen Fortschritten hat einen bleistiftdünnen Wohnturm wie One Madison Avenue möglich gemacht. In dessen schmalem Schatten realisiert Rem Koolhaas nun endlich – nach zwei Galerieräumen und der notorischen Pradaboutique – auf einer winzigen Parzelle sein erstes Bauprojekt in Manhattan. In den unteren Etagen zwängt sich das 107 Meter hohe Haus Wand an Wand zwischen zwei alte Nachbarn – doch kaum überragt es sie, dehnt es sich mächtig zu einer Seite hin aus. Man fürchtet, es könne jeden Moment das Gleichgewicht verlieren. Auch der Schweizer Bernhard Tschumi hat seinem Blue Building an der Lower East Side ein Flair von Instabilität gegeben. Der kobaltblaue, vielwinklige Glasbrocken balanciert ebenfalls auf einem kleinen Sockel beugt sich dann aber als ein kompakter Körper über seine Anwohner.

Autor:
Claudia Steinberg