Origenelle Hochhäuser in New York Wohnraummangel beheben

New York wollte schon immer hoch hinaus (und musste es auch wegen der Grundstückspreise). Besonders originell waren die Wolkenkratzer aber selten. Jetzt hat ein Umdenken stattgefunden. Erstmals dürfen hier die internationalen Stararchitekten mit gewagten Entwürfen nach den Sternen greifen.

Während in Los Angeles prominente Architekten schon immer ihre besten Ideen in Wohnhäusern verwirklichten, konzentrierten sie sich in New York bis vor Kurzem vornehmlich auf kommerzielle und öffentliche Kommissionen. An Büroraum herrscht Überfluss, das Angebot an Apartments dagegen ist minimal. So ließen sich die internationalen Museums- und Stadionbauer Herzog & de Meuron von Ian Schrager zum Entwurf für ein Apartmentgebäude (der Quadratmeterpreis liegt bei 21 000 Euro) überzeugen. Es hat eine spektakuläre Glasfont, die von einem schnörkeligen „dreidimensionalen Graffiti“ aus Gussaluminium gestützt wird. In Soho errichten sie gerade ein Apartmenthaus, das an lässig gestapelte Schachteln erinnert. Am Eingang strahlt eine riesige Edelstahlskulptur von Anish Kapoor den Besuchern entgegen. Eine Fassade aus fließenden Metallbändern kreierte Ben van Berkel für Eigentumswohnungen in Tribeca. Der Japaner Shigeru Ban eröffnet mit seinem Metal Shutter House am Hudson die Gelegenheit zum Wohnen im Freien – je nach Wetterlage. Was früher die Park Avenue auf der Visitenkarte war, ist heute das Apartment in einer schimmernden Hülle von Gehry, Tschumi, Nouvel und Koolhaas.

Genauer gesagt, so war es gestern: Seit Beginn der Wirtschaftskrise sind überall in New York die Bulldozer abgezogen, die Kräne stehen still. Das Schicksal von Jean Nouvels extraordinärem Turm neben dem MoMA ist ungewiss, die Gebäude auf Ground Zero werden verkürzt, die Flügel von Calatravas aufsteigendem Vogel gestutzt – wie in der großen Depression, als Medientycoon Hearst sein Verlagshaus an der 8th Avenue halbieren musste. 80 Jahre später setzt Norman Foster in einer radikalen Geste seinen eigenen glänzenden Turm auf Joseph Urbans sechsetagigen Sockel und sorgt für ein verspätetes Happy End. Das Empire State Building entging 1929 der Stornierung mit knapper Not, weil die Verträge bereits unterzeichnet waren – auch jetzt haben Projekte mit ungesicherter Finanzierung kaum eine Chance. Natürlich bedauert Carol Willis, dass die Skyline nun zumindest vorläufig auf einige Bereicherungen verzichten muss. Doch für sie liegt die Identität Manhattans weniger in den zunehmend exzentrischen Türmen, sondern in der Ordnung, die das Straßenraster der Stadt aufdrückt, und in der Staffelung der Häuser. Dieses dichte urbane Gewebe mag Löcher, Risse und Flicken haben. Aber es handelt sich doch um einen wunderbaren Stoff.   

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Autor:
Claudia Steinberg