
Warum die bunte Architektur Tiranas heute als Fallstudie für Urbanismus gilt
Super Stimmung in der 22. Etage des Plaza Hotels in Tiranas Zentrum. In der Cocktail- lounge legt der DJ Dua Lipas „Houdini“ auf. Die von Kopf bis Fuß gestylten Gäste wür- den auch in Cannes oder New York eine gute Figur machen. Eine fast noch größere Attraktion ist der Blick auf das glitzernde Lichtermeer von Tiranas Nord-Süd- Achse, dem Bulevardi Dëshmorët e Kombit. Von hier oben wirkt die Stadt wie ein Abenteuerspielplatz der Baukunst-Avantgarde. Dass hochkarätige internationale Architekten dabei sind, die einst so isolierte albanische Hauptstadt in ein urbanes Labor zu verwandeln, ist gut dokumentiert. Und es ist nicht zu übersehen: Wo futuristische Türme in den Himmel wachsen, wird gebaut, was das Zeug hält. „Alles ein bisschen zu schnell“, kommentiert der Gastgeber. Da fragt man sich: Wird hier versucht, die schwierige Geschichte des Landes zu tilgen? Albanien hat den Ruf, nicht auf der Vergangenheit aufzubauen und jedes Mal wie- der bei null anzufangen, wenn ein Regime gestürzt wird. Einer der anwesenden lokalen Architekten antwortete mit einem entschiedenen Nein: „Der Umgang mit unserer Vergangenheit ist uns wichtig. Auch wenn es eine Herausforderung ist.“
Im nächsten Morgen versteht man, was damit gemeint ist. Den monumentalen Skanderbeg- Platz im Zentrum der Stadt dominiert die elf Meter hohe Reiterstatue des Nationalhelden Gjergj Skanderbeg, der im 15. Jahrhundert als wackerer Verteidiger des Christentums einen Guerillakrieg gegen die osmanische Invasion führte. Einst war der Platz ein chaotischer Verkehrsknoten. Heute zeigt die Neugestaltung der belgischen Architekten 51N4E eine große autofreie Fläche, gepflastert mit verschiedenfarbigen Steinplatten aus allen Regionen des Landes. Umgeben von Ministerien, dem Rathaus, der Oper und Nationalbibliothek, der Nationalbank und dem Nationalhistorischen Museum, repräsentiert der Platz heute das wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentrum der Hauptstadt – und ganz Albaniens. Ein paar Meter entfernt entsteht ein Neubau mit einer symbolgeladenen und eher irritierenden Besonderheit: Das niederländische Architekturbüro MVRDV entwarf in charakteristischer „Warum nicht?“-Manier den 85 Meter hohen Wohn- und Büroturm Skanderbeg Building in Form einer monumentalen Büste des Nationalhelden.
900 Meter weiter in südlicher Richtung ist man baff angesichts der ebenfalls von MVRDV konzipierten Erneuerung der „Pyramide“: 1988 wurde sie posthum als prahlerisches Mausoleum zu Eh- ren des Diktators Enver Hoxha errichtet, entworfen wie ein gigantisches, sternförmiges Ufo aus grauem Beton und Travertin von seiner Tochter Panvera und drei anderen Architekten. Was tun mit diesem 21 Meter hohen Koloss aus der dunklen Ära der Landesgeschichte? Sein Abriss wurde beschlossen und wieder verworfen. Hin und wieder diente er als dystopische Ruine für Filmsets. 2017 überzeugte der Vorschlag von MVRDV, das Ufo als Kultur- und Bildungseinrichtung umzubauen. Heute trifft sich Tiranas junge Szene in den vielen Cafés der Pyramide. Neu konstruierte weiße Treppen und Lichtinstallationen auf dem Dach dienen nicht nur der Ästhetik: Man kann bis zur Spitze laufen und auf einer steilen Rampe hinuntergleiten. Eine weitere – und populäre – Perspektive: Die albanische Bevölkerung kann dem einstigen Diktator buchstäblich den Buckel runterrutschen.

Neue Fassaden, neuer Geist
Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt sich auch beim Streifzug durch das einst abgeschottete Blloku-Viertel. Während der kommunistischen Ära nur Regierungsmitgliedern und deren Bediensteten zugänglich, hat Blloku heute kosmopolitischen Charme, mit einer Fülle von trendigen Cafés, Restaurants und Märkten. Das historisch gewachsene Stadtbild mit muslimischer Balkanarchitektur, Villen aus der italienischen Besatzungszeit und kommunistischen Plattenbauten ist eine lehrreiche Zeitreise – und mit den zahlreichen Neubauten mittendrin ein heiß diskutiertes Thema. Da ist Hora Vertikale, ein 140 Meter hoher Turm des portugiesischen Architekturbüros OODA, dessen gestapelte Kuben eine vertikale Siedlung (im Altal- banischen „Hora“) darstellen. OODA entwarf auch die schlaksigen Gebäudepaare des Bond Towers, die ein Kritiker spöttisch mit den „Beinen einer Balletttänzerin mitten im Plié“ verglich. Rund drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt modernisiert das in Rotterdam ansässige Architekturbüro OMA das 1956 erbaute Selman-tërmasi-Fußballstadion. Und mehr als das, denn als „Katalysator für bürgerschaftliches Engage- ment und städtische Identität“ soll das Gelände mit Wohnungen, Büros und Restaurants auch nach Spieltagen die Verbindung zu angrenzenden Stadtteilen stärken. Spannend auch das neue Expo-Zentrum am Stadtrand, das der amerikanische Architekt Steven Holl in Zusammenarbeit mit der polnischen Konzeptkünstlerin Agnieszka Kurant entwickelt hat. Geothermische Heizung und Kühlung sowie hochmoderne weiße Solarschindeln zur Nutzung des gesamten Stroms – das Projekt inves- tiert mit höchsten ökologischen Standards in zu- kunftsgerichtetes Bauen.
Mit Architekten lässt sich Großes erreichen, sagt Edi Rama zu seinem Stadterneuerungskurs. „Es ist sehr schwierig, jemanden zu finden, der der- zeit nicht in Tirana oder Albanien baut“, kommentiert Peter Wilson, dessen Büro BOLLES+WILSON 2003 zu den ersten drei von Edi Rama eingeladenen Stadtplanern gehörte und in der Hauptstadt unter anderem das Hotel The Intercontinental entworfen hat. 2022 veröffentlichte er ein aufschlussreiches Buch mit dem Titel „Some Reasons for Traveling to Albania“. Er sagt: „Architektur wird oft als Spiegelbild der Werte und Ideologien der Gesellschaft betrachtet. Im kommunistischen Albanien spielte sie eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung der Partei-Ideologie und der Gestaltung des gesellschaftlichen Gefüges.“ Seit Albanien sich der Welt öffnete, sei das Land mit dem Aufbau seiner Identität beschäftigt, vor allem auf internationaler Ebene, fügt er hinzu. „Jetzt bietet sich die Chance, mithilfe von Architektur eine Geometrie der Zugehörigkeit zu schaffen.“



Ramas Vision: Farbe als Tor zur Moderne
Diese Chance bezeichnet Edi Rama als „Tor der Hoffnung“. Sein erklärtes Ziel ist es, nicht nur bauliche Strukturen, sondern auch „Räume der Bedeutung“ und „Säulen des Verständnisses“ zu schaffen und mit ihnen Anschluss an die Moderne zu finden – und die Wirtschaft anzukurbeln. Zweifellos ist er ein unkonventioneller Politiker, oft als „Freigeist mit Machtinstinkt“ beschrieben und „eher im Nebenberuf, so scheint es manchmal, albanischer Ministerpräsident“. Als Bürgermeister ordnete er den Abriss illegal in den Parks gebauter Häuser an und ließ die Grünanlagen wieder herrichten. Er erklärte das Ende grauer kommunistischer Monotonie, indem er farblosen Bauten einen bunten Anstrich gab. Weit entfernt vom Ideal der Bauhaus-Askese, sieht er „Farbe als Wiedereroberung der Individu alität“. Genau das griff OMAs Fassadenpolitik mit Mangalem 21 im Osten der Stadt auf: Das Ensemble besteht aus bunten Wohnblöcken, die dicht an dicht stehen und insgesamt 24 Innenhöfe umschließen.
Der Masterplan für Korça
Wird also in Tirana Europas Zukunft gebaut? Ramas Kritiker sehen es anders und bezeichnen die „Wolkenkratzerfantasien wild gewordener Architekten“ als ästhetisch bequeme Geldwäsche, die zudem die Wohnungspreise in Tirana in die Höhe treiben. Für Kritik sorgt auch die Entwicklung an der Küste, deren unberührte Natur dem Bauboom und Luxustourismus geopfert werden soll. Interessant deshalb, abseits der albanischen Küste eine Stadtentwicklung zu finden, die allgemein als Vor bild für andere albanische Städte gilt. 2009 gewann BOLLES+WILSON einen internationalen Masterplan-Wettbewerb für das historische Zentrum von Korça, einer Stadt mit 51 000 Einwohnern nahe der griechischen Grenze.
Von Tirana aus dauert die Autofahrt nach Kor ça rund zweieinhalb Stunden. Beim Durchqueren von Kleinstädten erspäht man die eine oder andere deutsche Supermarktkette und vor Tankstellen auffallend viele Plastikflaschen mit klarer Flüssig keit: Vielleicht Wasser, vielleicht auch selbst ge brannter Raki, dieser wichtige Bestandteil albanischen Lebens. Eine Kaffeepause am Ohridsee, den Albanien sich mit Mazedonien teilt. Weiter östlich verkaufen Kleinbauern Honig, Walnüsse und Zwiebelstränge am Straßenrand. Peter Wilson nutzt die Fahrt, um seine Arbeitsweise in Albanien zu erklä ren: „Aus anderen internationalen Projekten wuss ten wir, dass man für die Bewältigung diverser Probleme lokale Architekten als Vermittler benötigt. Eine Reihe größerer albanischer Büros hat sich auf diese Aufgabe spezialisiert und im Laufe der Jahre haben wir mit den meisten von ihnen zusammen gearbeitet.“ Als hoch motiviert und kompetent er wiesen sich jüngere albanische Kollegen, die seine handgezeichneten Entwürfe digital übersetzten. „Korrigiert habe ich dann mit einem roten Filzstift.“ Das Ergebnis hat ihn überrascht: „Wir haben gelernt, dass aufwendige Handarbeit erschwinglich ist, teure Hightech-Ausrüstung hingegen nicht.“
Umgeben vom MoravaGebirge, gilt Korça als Geburtsort der literarischen und künstlerischen Identität Albaniens. Der erste Eindruck: breite, von Bäumen gesäumte Boulevards, historische Steinvillen aus der osmanischen Zeit, gepflegte Parks, zwischendurch triste kommunistische Wohnblocks, von deren Fassaden ein beängsti gendes Gewirr von Stromkabeln herabhängt. „Die Herausforderung in Korça bestand darin, eine Ba- lance zwischen Restaurierung und Innovation zu finden“, sagt Mr. Wilson beim Spaziergang durch die Stadt. Mit anderen Worten: Es ging um die geschickte Verbindung zwischen Tradition und dem Schock des Neuen.
Peter Wilsons „Sketch-over“-Vision
Wilsons rund 30 „Sketch-over“-Projekte begannen im Herzen der Stadt: Die als Fußgängerpromenade umgestaltete Hauptachse Bulevardi Shën Gjergji läuft von der orthodoxen Auferstehungskathedrale auf den 2014 fertiggestellten Aussichtsturm The Red Bar in the Sky und den Theaterplatz zu. Das Theater war ursprünglich ein Geschenk Moskaus, bevor sich der albanische Kommunismus mit dem poststalinistischen Russland überwarf und den sowjetischen Klassizismus zu einer Art Balkan-Art-déco reduzierte. Die neue Fassade ist eine Neugestaltung der Version aus den 1970er- Jahren, wobei der weiße Marmorrahmen erweitert wurde. BOLLES+WILSON gab der Fassade ein neu- es Gesicht: „Komische weiße und tragische schwarze Masken repräsentieren die Welt des Schauspiels. Deshalb haben wir 140 Terrakotta-Masken von einem lokalen Töpfer anfertigen lassen und in die Fassade integriert.“ BOLLES+WILSONS neue Bibliothek an der nordöstlichen Ecke des Domplatzes hat sich als ebenso populär erwiesen wie die benachbarte Stadtverwaltung mit ihrem transparenten „One-Stop-Shop“ für die Belange der Einwohner. Eben- falls im Zentrum zeigt das Gjon Mili Museum die Arbeiten des albanisch-amerikanischen Foto- grafen, der als Lichtinnovator und Spezialist für bewegte Fotografie berühmt wurde. Die zitronen- gelbe Fassade des Gebäudes stammt aus dem 19. Jahrhundert; BOLLES+WILSON modernisierte das Interieur. Weiter zum aufgefrischten Basar aus der Zeit der osmanischen Besatzung, der zum UNESCO- Weltkulturerbe gehört. Ideal für einen Kaffee und den gesunden Caj-Mali-Kräutertee, der in unberührten Berglandschaften von Hand gepflückt wird. „Noch vor kurzer Zeit konnte man den Berg- tee auch im Flughafen kaufen. Jetzt ist er internationalen Kosmetikmarken gewichen“, bemerkt Peter Wilson mit Bedauern. Er weist den Weg in Richtung Südwesten zu einem seiner Lieblingsprojekte: Korças Museum für Mittelalterliche Kunst. Der Weg führt durch kopfsteingepflasterte Gassen an den Rand der Altstadt. Es duftet nach wildem Salbei. Vor einem Lebensmittelladen nimmt sich die Eigentümerin Zeit für einen Schwatz und verrät augenzwinkernd ihr Geheimrezept gegen Rheuma und eigentlich alles, was nicht rundläuft: „40 zerschnippelte Kastanien und einen Liter Raki 40 Tage marinieren und regelmäßig wie einen Cock- tail umrühren. Fertig ist eine fabelhafte Tinktur für innen und außen.“
Architektur schafft Identität
Das Museum ist ein renoviertes Betonskelett. „Der Premierminister bestand darauf, die Fassade mit schwarzem Putz zu verschönern“, kommentiert Peter Wilson. „Einige Bauarbeiter dachten, sie arbeiten an einem Gefängnis.“ Das Innenraumkonzept beinhaltet farbige Zonen – von gold über schwarz zu rot und weiß – und erzeugt dadurch eine ganz eigene Dramatik. „Es wurden Ikonen und andere religiöse Artefakte aus Korça und Umgebung zu- sammengetragen. Ein Glück, dass diese Schatz- kammer nicht vom kommunistischen Regime zerstört wurde.“ Es ist ein milder Septemberabend. Der Himmel über Korça färbt sich rot, und wie immer bei Sonnenuntergang füllt sich der Rinia-Park am nördlichen Ende der Stadt. Es ist die Stunde des traditionellen Xhiro – auf der Promenade flanieren, Bekannten zuwinken, sehen und gesehen werden. BOLLES+WILSON entwarf für die Revitalisierung des Parks einen Lichtstrahl aus LED-Ketten zwischen Glasbausteinen, um die Ränder der Plätze zu definieren. Steinskulpturen, das Ergebnis regelmäßiger Sommerworkshops, wirken hier wie ein abstraktes Stonehenge aus Statuen.
Am nächsten Tag stimmt der Abschied von Korça nachdenklich. Die Stadt hat einen Zauber, der nicht zur oft beschriebenen düsteren Melancholie Albaniens, dem Nimbus des Mysteriösen passt. Es ist nachvollziehbar, dass der spätromantische Dichter Lord Byron eine tiefe Verbundenheit mit Albanien empfand, als er 1809 von seiner Grand Tour durch das Land zurückkam. Peter Wilson scheint eine ebenso starke Zugehörigkeit zu spüren. „In keinem anderen Kontext hätte ich meine Erfahrung nutzen können, um den Charakter einer Stadt so zu lenken und zu pflegen, wie ich es glücklicherweise hier tun durfte“, sagt er. Für den Besucher scheint sich in Korça zu bestätigen, dass fein- fühlige Intervention weit über die Verschönerung von Fassaden hinausgeht: Sie kann Menschen und ihren Umgang mit dem öffentlichen Raum verändern, Zugehörigkeit und Identität vermitteln. Der Architekt erlaubt sich ein versonnenes Lächeln. „Ich vermute, meine Arbeit wird geschätzt, denn ich bin jetzt Ehrenbürger von Korça.“