WHITE CITY– wahr gewordene Utopie

Tel Aviv ist jung, cool, kreativ – und ein Architektur-Museum der besonderen Art. Die „White City“ wurde zu einem erheblichen Teil von Bauhaus-Schülern entworfen, ist das größte zusammenhängende Zeugnis jener Epoche – und die DNA dieser Metropole

Über eines braucht sich Tel Aviv ganz sicher keine Sorgen zu machen: Dass jemand auf die Idee kommen könnte, die Stadt sei unentspannt. Aber man weiß ja nie. Also wurden sicherheitshalber im mittleren Grünstreifen des Rothschild Boulevards, der zentralen Pracht- und Flaniermeile, Hängematten aufgespannt. Sie sind bestens frequentiert. Von denen, die gerade nicht am Strand mit Surfen und Beach-Volleyball beschäftigt sind oder vor einem der unzähligen Cafés und Bars sitzen. Die Plätze dort sind im Grunde nie frei. Manche Gäste sitzen da ganze Tage lang. Meist mit Laptop vor der Nase und Kopfhörern auf den Ohren. Diese Leute nennt man „Start-ups“. Davon gibt es ebenfalls unzählige in der größten Stadt Israels, deren Metropolenregion etwa drei Millionen Menschen beheimatet, knapp die Hälfte der israelischen Bevölkerung. Weil Mieten sehr teuer sind und Büromieten erst recht und die Start-ups eh des Öfteren auf einen Kaffee, zum Gucken oder Socializing ins Café gehen, könnten sie ihr Office eigentlich auch gleich dorthin verlegen.

„Die Jung-Unternehmen auf und um den Rothschild Boulevard herum bringen Tel Aviv und seine Geschichte auf den Punkt“, findet Architektin Tsila Zak beim abendlichen Einführungsrundgang durch die Stadt. „Tel Aviv selbst ist eine Start-up-City und gibt sich gern dieses Label – und das nicht nur wegen der vielen aufblühenden Ideen der kleinen Unternehmer hier.“ Tel Avivs eigenes Start-up fand vor gerade mal 110 Jahren statt. Im April 1909 wurde die Stadt, deren Name „Frühlingshügel“ bedeutet, auf sandigem Wüstenboden außerhalb des Ortes Jaffa gegründet. Jaffa war und ist arabisch geprägt, und Menschen anderer Prägung hatten es nicht so leicht oder fühlten sich nicht so wohl dort. Daher beschlossen viele, ihr Glück woanders zu suchen. Aber nicht so weit weg. Am besten gleich direkt vor den Stadtmauern von Jaffa. Tja, und dort legten sie den Grundstein für den Frühlingshügel.

Tel Avivs Baugeschichte ist einzigartig unter den Metropolen der Welt. Die Stadtväter wollten einerseits ein New York Israels errichten und andererseits die verlockenden Ideen einer Gartencity realisieren, die sich an Plänen des berühmten Vertreters dieser Bewegung, des Schotten Patrick Geddes, orientierte. Dabei profitierte Tel Aviv von einem großen Unglück. Zahlreiche jüdische Architekten aus Europa, die unter Arbeitsverboten und schwersten Repressalien durch Nazis und Faschisten zu leiden hatten, wanderten hierher aus. Sie brachten die Ideen des Bauhauses mit, manche hatten bei Le Corbusier gelernt. Und sie errichteten in wenigen Jahren eine Stadt im Stil des gerade angesagten Modernismus: funktional, zukunftsweisend, heiter, weiß. Mehr als 4000 Häuser aus der Zeit zwischen den 30ern und 50ern stehen noch heute und bestimmen das Bild von Tel Aviv. „Mehr noch“, betont Sharon Golan-Yaron, Programmdirektorin des „White City Center“, „sie bilden die DNA der Stadt.“

2003 wurde die White City von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Das „White City Center“ ist eine israelisch-deutsche Gemeinschaftseinrichtung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, dieses Erbe zu schützen und Restaurierungsbestrebungen zu fördern. Auf deutscher Seite ist Staatssekretär Gunther Adler verantwortlich für das Projekt. Ja, genau der Mann, der der Rochade mit Ex-Verfassungschef Hans-Georg Maaßen zum Opfer fallen sollte. „Nicht auszudenken, was das für die Stadt bedeutet hätte“, schaudert es die Direktorin noch nachträglich. „Adler ist Vater und Garant des Projekts.“

Wesentliches Bestreben des „White City Center“ ist die Vermittlung deutscher Handwerksmeister, die israelischen Kollegen alte Techniken vermitteln und so helfen, die besondere Aura der Gebäude zu bewahren. Einer von ihnen ist Norbert Höpfer, promovierter Mineraloge, Pendler zwischen seiner schwäbischen Heimat und dem sonnigen Tel Aviv. Sofort nach dem „Begrüßungs-Schalom“ sprudelt es aus ihm heraus. Bevor sein Cappuccino die Chance hat, kalt zu werden, hat er bereits mithilfe zahlreicher live angefertigter Skizzen einen Stegreifvortrag über Tel Aviv, das Bauhaus und die Restaurierungspläne unter besonderer Berücksichtigung der hiesigen klimatischen Verhältnisse gehalten: „Die feuchte salzige Meerluft greift das Metall der Stahlträger an. Es rostet und sprengt den Beton darum herum.“ Deshalb sei Bauhaus schwieriger zu restaurieren als ältere Gebäude. „Die Träger sind eben elementarer Bestandteil. Dadurch war das Spiel mit der Außenmauer erst möglich.“ Mit den vorgesetzten Balkonen etwa. Die Übergänge zwischen Mauer und Balkon, das seien so typische Schwachstellen. „Und dann der Fassadenputz. Sehr anspruchsvoll. Da muscht du viel Fläche an einem Tag schaffe. Sonscht siehscht du den Übergang.“ Höpfer muss hier abbrechen, obwohl er sich gerade richtig warm geredet hat. Auf der nächsten Baustelle ist sein Fachwissen beim Anmischen von Kratz- und Waschputz gefragt. Zwei beliebte Techniken im Bauhaus. „Besonders schwierig.“

Der Vortrag findet vor einem (natürlich) belebten Café in der winzigen Fußgängerzone nahe des beliebten Carmel-Marktes statt. Es heißt „Bait Ha’am-mudim“ und entpuppt sich abends als Jazz-Liveclub. Maximal 50 Zuhörer fasst der kleine Gastraum, aber alle Größen des israelischen Jazz treten hier auf. Auch Yuval Cohen, Mitglied des weltweit bekannten Cohen-Trios. Yael Hadany, die Club-Managerin, dreht sich eine Zigarette und sinniert kurz über die Frage, warum Jazz in Israel so populär ist: „Ich glaube, es ist das Improvisieren. Die Sprache dieser Musik entspricht dem israelischen Way of Life.“ Die Erkenntnis scheint sie selbst zu überraschen, aber sie gefällt ihr: „Ich bin mir sicher. So muss es sein.“

Viel würde in ihrer Heimat nicht funktionieren ohne jenes Talent, sich besondere Wege zu suchen, glaubt sie. Das zieht sich durch bis zu offiziellen Stellen. Die White City war, als ihr der Weltkulturerbe-Status zugesprochen wurde, in einem erbarmungswürdigen Zustand. Die Häuser verfielen, der Putz bröckelte, Mieter und Eigentümer hatten weder Geld für noch Interesse an Renovierungen, Stadtverwaltung und Staat schauten weg. Aber dann gab es da einen listigen Plan. 2008 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Aufstockung der historischen Bauhäuser um ein oder zwei Etagen erlaubte – selbstverständlich ästhetisch harmonisch und nur unter der Voraussetzung, dass der Rest des Gebäudes in tadellosen Zustand versetzt wird. Die Investitionen würden sich durch den Verkauf der zusätzlichen Etagen lohnen ... Mehr als das! Investoren rissen sich um die Sahnestücke. Seit ein paar Jahren kann man die Früchte dieses cleveren Schachzugs bewundern. Das „Herz von Tel Aviv“, wie White City offiziell heißt, erblüht in neuem Glanz. Erstaunlich, dass die sonst so strenge Unesco dieser Maßnahme zugestimmt hat. Aber ohne den Trick wäre der Verfall wohl nicht aufzuhalten gewesen.

So ist Tel Aviv nicht nur eine lässige und lebensfrohe Stadt, sondern eine ästhetisch äußerst anspruchsvolle – was für Häuser wie für Menschen gleichermaßen gilt. Eine beschwingte Metropole am Meer, die Kreative inspiriert und Bewohner zum Tanzen bringt. Nicht, dass hier jeder durch die Straßen hüpft. Aber Dichte und Qualität der Ballettschulen sind schon beeindruckend. „Ein großes Thema“, erzählt Tsila Zak, die alles und jeden zu kennen scheint. Voller Stolz berichtet sie von der „Batsheva Dance Company“, die sich einen solchen Namen gemacht hat, dass Profis aus aller Welt nach Tel Aviv kommen, um bei Star-Choreograf und Kopf der Company Ohad Naharin Unterricht zu nehmen. Er hat sogar einen ganz eigenen Tanz etabliert – die „Gaga movement language“. Der Teil der Einwohner, der nicht so toll tanzen kann, freut sich, wenn er Karten ergattert.

Von solchem Ruhm ist Designer Ohad Benit noch ein wenig entfernt. Er entwirft Leuchten-Unikate, deren mundgeblasene Schirme sich durch Messingringe zwängen. Keine leichte Sache. „Es gibt viel Bruch“, erzählt er. Aber er wird dafür in internationalen Designblogs wie „Dezeen“ gefeiert. Um einiges bekannter dürfte in Israel einer seiner Sofa-Entwürfe sein, auf dem er es sich in seinem Studio bequem macht: „Das stand im israelischen Big-Brother-Container. Aber wer interessiert sich da schon für Design, geschweige denn Designer?“

Das Studio befindet sich im ersten Stock eines alten Hauses auf einem Metall-Recyclinghof – am Rand des südlichen Szeneviertels Florentin mit seinen bunt angemalten Häusern und einer selbst für Tel Aviv erstaunlichen Dichte an Bars, Cafés und Restaurants. Direkt daran grenzt die historische Stadt Jaffa, die seit ein paar Jahren gewissermaßen eine Rückwanderung erlebt. Betuchte Bewohner aus Tel Aviv haben sich von Jaffas Charme verzaubern lassen und dort verhältnismäßig sehr große Anwesen erworben. Wie Gad, ein ehemaliger Manager bei Sotheby’s, der das Haus des ehemaligen italienischen Konsulats mit feiner Hand (und Hilfe des schwäbischen Mineralogen Höpfer) in einen Palast mit grandioser Aussicht aufs Meer verwandelt hat. Hier wohnt er mit einer Schildkröte und zwei sich einander nicht sehr wohlgesonnenen Papageien.

Die Hauptattraktion der Stadt ist aber nicht das einzigartige Architektur-Ensemble, nicht die Lässigkeit des Lifestyles, nicht die Kreativität der Küche, nicht die Feierlaune und nicht das Glücksgefühl, mal wieder den rasenden lautlosen Elektrorollern beim arglosen Überqueren des Fahrradwegs entkommen zu sein. Es ist wohl ihre unvergleichliche Lage mit dem endlosen Strand, der sich entlang der gesamten Innenstadt zieht und vor allem dazu da zu sein scheint, die Menschen von der Arbeit abzuhalten. Höchstens ein lässiges Start-up kann man hier gründen.