MVRDV - Architekt des Jahres 2012

Störenfriede mit Humor: Hinter den fünf Buchstaben MVRDV stehen drei Architekten, die seit über 20 Jahren Maßstäbe setzen. Sie veränderten die Ästhetik des Bauens in ihrer holländischen Heimat und erweitern den Architekturbegriff bei komplexen Projekten in aller Welt. Unsere Leser wählten MVRDV zum „A&W-Architekt des Jahres 2012“.

Montag ist Jour fixe. Da treffen sich, wenn es irgend geht, M, VR und DV zur gemeinsamen Besprechung im Rotterdamer Office. Oft kommen sie von weit her. Und müssen bald wieder weg. Seit Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries hier vor über 20 Jahren unter ihren kombinierten Namenskürzeln ein Architekturbüro gründeten, ist viel passiert. MVRDV – der spröde Name hat nicht geschadet – ist zum Erfolgslabel geworden, zum Garanten für originelle Lösungen. „Wir sind heute Global Player“, sagt Jacob van Rijs, der seinen Platz unter einer „Kronleuchter-Skulptur“ aus zehn Schreibtischleuchten hat, „wir verknüpfen unsere holländischen Netzwerke mit der Welt und reüssieren!“

Das Studio – mehrere Etagen einer aufgegebenen Druckerei am ehemaligen Kohlehafen – wirkt wie ein Mini- Kosmos. Scharen von beflissenen, meist sehr jungen Architekten aus mehr als 20 Nationen arbeiten hier, darunter viele Asiaten. Um die Arbeitsplätze herum Regale mit Büchern, Besprechungskojen, Modelle, Modelle, Modelle. Work in progress – an aktuellen Projekten in aller Welt: ein Masterplan für Oslo und einer für Tirana. Zwillings-Wohntürme in Seoul. Urbanistische Studien für Groß-Paris. Die Wasserstadt Xinjin und ein Freizeitzentrum für Nanjing, beide in China. Eine Öko-City im spanischen Logroño. Und mehr und mehr. Erst das Reste-Stillleben nach dem gemeinsamen Lunch aller Mitarbeiter auf langen Holztischen zeigt dann: Hier wird nicht nur geleistet, hier wird auch gelebt.

MVRDV ist nicht nur eine Architektur-, sondern auch eine Architektenschmiede. In schönster Tradition. Denn nachdem alle drei in Delft studiert hatten, arbeiteten Maas und van Rijs im gefragtesten Architektenbüro jener Zeit: bei OMA, dem „Office for Metropolitan Architecture“ des Kreativ-Gurus Rem Kool - haas in Rotterdam. Die schwer kriegsbeschädigte und dann rasant wieder aufgebaute Stadt an der Rheinmündung mit ihren Hafenbecken und den Wolkenkratzern, in der man sich so gern mit New York vergleicht, war der ideale Nährboden für Experimente und neue An sät - ze in der Architektur. Man dachte nach über die Stadt der Zukunft und über neue Formen des Zusammenlebens. Alle holländischen Jungstars trugen ihre Utopien und Theorien in dicken Büchern vor, wie es vor dem Aufstieg des Word Wide Web unumgänglich war. Rem Koolhaas hatte 1995 mit „S,M,L,XL“ vorgelegt, dem meistdiskutierten Architekturbuch im ausgehenden 20. Jahrhundert. Winy Maas (geboren 1959), Jacob van Rijs (1964) und Nathalie de Vries (1965) setzten 1998 mit „FARMAX – Ausflüge in die Dichte“ nach, um zu orten, wie die Megapolis des 21. Jahrhunderts architektonisch noch zu retten sei.

Störenfriede mit Humor

Furore machte MVRDV mit Provokationen gegen überlieferte architektonische Sehgewohnheiten: Dem Wohnkomplex WoZoCo in dem Amsterdamer Vorort Osdorp, aus dessen Fassade wie ausgezogene Schubladen Bausegmente bis zu elf Meter weit freitragend vorragen – und vorn noch vorwitzig bunte Balkons tragen. Oder dem Funkhaus VPRO in Hilversum, einem Kubus mit Kurven und schiefen Ebenen, der nächtlich in geheimnisvolles Neonlicht getaucht ist. (beide A&W 2/2000). Dann kam der internationale Auftritt mit dem niederländischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover, der das Thema „Dichte“ auf freche Weise wörtlich nahm. Sieben verschiedene Landschaftstypen der Niederlande luden übereinandergeschichtet zu einer Art vertikalem Spaziergang – ein Publikumsmagnet. Das Gestaltungsprinzip des Stapelns, des Addierens unterschiedlicher Funktionen, Dimensionen, Proportionen und Fassaden wurde bei vielen späteren Bauten zum Markenzeichen von MVRDV, der vielschichtige Umgang mit Behausungen zur eigentlichen Stärke des Büros. Ihm entsprangen viele kleine Villen, aber auch monströse Anlagen wie die „Parkrand Residence“ in Amsterdam mit 174 Wohnungen. Um diesem Doppel-Brückenhaus den etwas misanthropischen Maßstab zu nehmen, tricksten die Architekten, indem sie die Accessoires auf XXL-Maß aufbliesen: Blumentöpfe, aus denen Bäume wachsen. Dieser ironische, manchmal auch zynische Humor war es, der MVRDV berühmt – und berüchtigt – gemacht hat. Die Groß-Wohnanlagen – Silodam in Amsterdam etwa, eine containerartige Schichtung in Bunt, Mirador in Madrid, eine schwarzgraue Monumental-Collage, und Frøsilo in Kopenhagen, zwei verglaste Rundkörper, die Silos gleichen – verbrämen nicht, was sie sind, heucheln keine falsche Romantik. Manchmal gibt sich MVRDV aber auch verspielter – so etwa, wenn auf einem Stadthaus in Rotterdam ein knallblauer Dachaufbau im Häusle-Look thront: „Didden Village“ ist eine fröhliche Assemblage, die dörfliche Atmosphäre in die Stadt holt – und dabei ironisiert (A&W 1/2009).

Der Schwung der frühen Jahre war nicht ganz durchzuhalten. So manches Projekt beschäftigt das Trio dazu über Jahre hinweg (auch das Expo-Haus ist nach seiner temporären Nutzung in eigentlichem Sinne nie fertig geworden und verkommt inzwischen als hässlich schöne Ruine, als eine Art Folly, im Post- Expo-Gewerbepark). „Spijkenisse Library“ wurde 2003 erdacht und wird erst in diesen Monaten fertig: ein Bildungsberg in einem Rotterdamer Arbeiterviertel als „Kletter“-Buchregal unter zeltartiger Glasstahlkonstruktion. Noch mehr Zeit wird der gigantische Bogen (insgesamt 77200 Quadratmeter!) der neuen Markthalle in der City beanspruchen, die von Wohnwaben umsponnen wird. Es sind andere Zeiten angebrochen in den Niederlanden. Und in der Krise werden die Leute vorsichtiger, weiß MVRDV. Sechs Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen in den Niederlanden leer.

Architekten als Helfer

M, VR und DV arbeiten heute abgeklärter – und doch, wie Nathalie de Vries es nennt, „mit einem kleinen twist“, mit Gedanken, die um die Ecke führen – und zum Profil von MVRDV geführt haben. „Wir denken heute mehr beyond the image“, erklärt van Rijs. Die „Störenfriede mit spektakulären Projekten“, wie man immer noch häufig im Internet lesen kann, sind komplexer, empathischer und sozialer geworden, avantgardistisch einerseits, anthroposophisch andererseits. Den weltweit so Erfolgreichen geht es um mehr als ums Formale. Van Rijs beschreibt es so: „Wir starten mit der Überlegung, was braucht das Quartier, was ist wirklich notwendig? Wir recherchieren, mischen dann auch die Nutzungen und Angebote. Anders als bei Funktionalisten geht es bei uns um den envelope, die Hülle, in der sehr viel passieren kann.“ Nathalie de Vries fügt hinzu: „Der Städtebau prägt das Haus!“ Und sie schaffen sich symbolisch selber ab. So wurden sie mit dem Projekt „Nieuw Leyden – Recept voor stedelijk wonen“ mehr und mehr zum Berater des „Zelfbouw-architect“, sind nicht mehr nur die gestaltenden Architekten, sondern Helfer und Streetworker.

Es schützt aber auch nicht davor, dass eine der jüngsten virtuellen MVRDVVisionen einen Mediensturm verursacht hat. Das Projekt „The Cloud“ für Seoul sieht eine „Wolke“ aus kubischen Bauelementen vor, die zwischen und um zwei bis zu 300 Meter hohe Wolkenkratzern schweben und ein hängendes Arkadien bilden sollen mit Dingen, die dem Menschen helfen, besser zu leben – Gärten, Terrassen, Atrien, Wellnesscenter, Restaurants (A&W 2/2012). Dumm nur, dass ein Beitrag im Internet den Entwurf mit wirklich frappierend ähnlichen Bildern der nach dem Terrorangriff explodierenden Türme des World Trade Centers in New York konfrontierte. „Is it a celebration of the terrorist attacks that killed 3000 innocent Americans?“, schrillte es durchs Netz. Natürlich nicht. MVRDV bedauert das Missverständnis. Aber da hat sich etwas verändert: Wer global arbeitet, kann auch global angegriffen werden.

Winy Maas, der Schöpfer dieses Projekts, nimmt das in Kauf. Sein Arbeitsschwerpunkt heißt jetzt „Why Factory“. In dieser jungen Institution an der TU Delft geht es um mehr als Architektur. Sie will neue Antworten geben auf neue Fragen zur Urbanistik, zur Gesellschaft, zur Zukunft der Stadt. Sein „Neues Testament“ heißt „Visionary Cities“, ein Büchlein, so dünn wie provokant. Da sind sie wieder, die Störenfriede. Nur anders, denn Maas achtet inzwischen darauf, dass Humor und Ironie nicht in Sarkasmus umschlagen. Als Abwehr gegen alles, was allzu großen Zynikern unter den Architekten drohe: nämlich zu bösen Clowns zu werden. Er träumt weiter davon, Grundsätzliches zu ändern. Vielleicht Architektur mit Nanotechnologie zu befruchten. Sich mit Physikern und Chemikern zusammenzutun. „Es wird wieder Zeit für eine Revolution. Das Jahrhundert des Mittelmaßes ist vorbei!“

Architekt des Jahres

Der Preis. Die Ausstellung

Die A&W-Leser und -Online-User haben MVRDV zum „A&W-Architekt des Jahres 2012“ gewählt. Und das Rotterdamer Büro nominierte Landschaftsarchitektin Anouk Vogel aus Amsterdam für den „USM-Mentorpreis für Architektur by A&W“. Dieser Nachwuchs-Award wird von unserem Partner USM Möbelbausysteme gefördert. Beide Preisträger werden in einer exklusiven Ausstellung anlässlich des Hamburger Architektur Sommers geehrt.

Ausstellungsort: by USM, Plan 6, 20095 Hamburg. 11. Mai bis 15. Juli 2012 Mo–Fr 10–19, Sa 10–16 Uhr.

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