Luca Fuso: Erkenntnisse aus dem Design-Labor

Wir sprechen mit dem Cassina Chef über die Kooperation mit dem Politecnico di Milano. Es geht dabei um neue Ideen, klassisches Design auf zeitgemäß nachhaltige Art zu verbessern.

Lieber Luca Fuso, zu Beginn unseres Gesprächs eine provokante Frage: Cassina ist der Inbegriff für langlebige Möbel, die alle Moden überdauern. Ist das nicht Nachhaltigkeit genug? Was ist die Zielsetzung des Cassina LABs?

 Die Herstellung von qualitativ hochwertigen Produkten, die von Natur aus langlebig sind, stellt definitiv einen wichtigen Eckpfeiler für Nachhaltigkeit dar. Aber es ist darüber hinaus auch wichtig, die Zukunft im Visier zu haben und innovativ zu sein. Das Cassina LAB wurde mit dem Ziel gegründet, umweltfreundliche Materialien zu erforschen und in neue und bestehende Produkte zu implementieren, um das Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden noch zu steigern. Wir verstehen es als unseren Part, einen Wandel in den Produktionsabläufen der Möbelbranche insgesamt anzuregen. Und das von Beginn an, also schon bei der Konzeption der Produkte. Der kleine, gepolsterte Sessel „Dudet“ von Patricia Urquiola zum Beispiel wurde bewusst so konzipiert, dass bei der Entsorgung all seine Bestandteile voneinander sauber getrennt und recycelt werden können.

Was sind in Ihren Augen neben Design, erstklassigen Materialien und deren Verarbeitung die entscheidenden Faktoren für eine zeitgemäße Produktion? 

Qualität und Exklusivität sind wesentliche Bestandteile unserer DNA. Für uns ist es wichtig, authentisch zu arbeiten und die Kultur des Designs zu respektieren. Was ich meine, dokumentiert vielleicht am besten die „Cassina I Maestri Collection“. In ihr versammeln sich seit den 1960er Jahren Neuauflagen einiger der berühmtesten Ikonen von großen Architekten des 20. Jahrhunderts – wie Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand. Ich glaube auch, dass ein entscheidender Faktor für bleibende Zeitgemäßheit in dem Mut zum Experiment sowie zur Innovation liegt. In dieser Hinsicht war Cassina schon immer ein Vorreiter bei der Entwicklung von Designs.



Sie selbst sprechen das Bauhaus als Schule für ein ausgeglichenes Verhältnis von Form und Materie an. Was kann uns diese mehr als hundert Jahre alte Denkschule heute noch lehren?

Die Lektion ist sehr einfach: Form, Funktion und Ästhetik sind die Grundlage für jedes erfolgreiche Produkt. Das gilt auch heute noch, allerdings mit dem Zusatz der Nachhaltigkeit.

Klassiker wie LC2 und LC3 von Le Corbussier lassen sich formal nicht verbessern. Trotzdem haben Sie eine Neuauflage mit recycelten Fasern gewagt. Der Look ist unverändert, Sie sprechen von einer neuen Ära des Avantgardismus. Das ist ungeheuer subtil. Könnte man sagen, dass sich eine Kennerschaft entwickelt, die über bloße Design-Ikonen hinausgeht?

Ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass diese Stücke nicht nur für Museen bestimmt sind. Sie können sich mit dem größten Respekt vor Authentizität weiterentwickeln, indem wir die Materialien und Produktionsmethoden so aktualisieren, wie es die Architekten getan hätten, würden sie heute noch leben. Unsere Beziehung zu den offiziellen Stiftungen und Erben – zusammen mit dem Input von erfahrenen Designhistorikern – ist von grundlegender Bedeutung, um diesen Prozess auf die beste Art unter Berücksichtigung aller Aspekte durchzuführen. Die Tatsache, dass sich diese Entwürfe weiterentwickeln, um den heutigen Bedürfnissen gerecht zu werden, betont, wie relevant sie heute noch sind.
In diesem Jahr haben wir eine neue professionelle Bürokollektion, Cassina Pro, auf den Markt gebracht. Teil der Serie ist auch der Schreibtisch „LC10 Bureau – La Semaine à Paris“, den Charlotte Perriand einst formal von einem bestehenden Tisch von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und ihr selbst adaptiert hatte. In Zusammenarbeit mit Pernette Perriand und der Fondation Le Corbusier haben wir dieses einzigartige Möbel, das ursprünglich für den Redakteur einer französischen Tageszeitung kreiert wurde, jetzt für jedermann zugänglich gemacht. Durch den Einbau von USB-Steckdosen und Kabelmanagement wurde der Schreibtisch darüber hinaus an die heutigen technischen Anforderungen angepasst.

Wohin man in der Designwelt auch schaut - die 1970er Jahre erleben ein Revival. Eine Zeit, in der Cassina bereits mit innovativen Materialien experimentierte. Es ist kein Zufall, dass sie "Soriana" von Afra und Tobia Scarpa ein zeitgemäßes Update gegeben haben. Welche Bedeutung sehen Sie in der Kontinuität, mit der ein etablierter Entwurf an die aktuellen Anforderungen angepasst wird  – und eben nicht verschwindet?

Tatsächlich, insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren hat das Unternehmen bereits mit innovativen Materialien wie Polyurethanschaum experimentiert, um durch die Einbeziehung fortschrittlicher industrieller Methoden völlig neue Formen zu schaffen. In diesem Jahr haben wir ein Wahrzeichen dieser Ära wiederbelebt: die Sitzmöbel-Serie „Soriana“ von Afra und Tobia Scarpa (Anmerkung der Redaktion: Leider ist ja Afra vor einigen Jahren verstorben) allerdings mit einem umweltfreundlichen Innenleben. Wir bleiben dem avantgardistischen Ansatz treu, indem wir den Klassiker jetzt aus nachhaltigen Materialien gefertigt anbieten. Die reine Recyclingfaserfüllung ist nicht nur besser für die Umwelt, sondern macht die Möbel tatsächlich auch noch bequemer. 
Das Sofa und der Sessel „Soriana“ sind in den letzten Jahren zu Legenden des zeitgenössischen Designs geworden, man muss nur Instagram öffnen. Die Tatsache, dass es auch heute noch so beliebt ist, hat uns dazu bewogen, es aus unseren Archiven zurückzuholen, aber es war uns auch wichtig, es mit einem bahnbrechenden Ansatz zu aktualisieren. Die neuen Materialien zeigen, dass dieses Stück nach wie vor eine Ikone ist, die eine neue avantgardistische Zukunft verkündet, dabei aber ihren ursprünglichen Charme und ihre Anziehungskraft beibehält.



Aus dem Cassina LAB gibt es auch interessante Forschungsergebnisse in Bezug auf den Faktor "Wohlbefinden". Dabei liegt ihr gewählter Schwerpunkt auf dem Schlafzimmer als erstem Raum im Haus. Matratzen, aber auch luftreinigende Textilien spielen dabei eine große Rolle. Also viele Aspekte, die über das reine Design hinausgehen, richtig?

Ja - Wohlbefinden ist im Haus natürlich sehr wichtig, besonders im Schlafzimmer, wo wir viel Zeit verbringen, um uns zu entspannen und zu regenerieren. Im Rahmen der Cassina Schlafzimmerkollektion haben wir einen reinigenden Stoff eingeführt, der Schadstoffpartikel auffängt und die Zirkulation sauberer Luft begünstigt. Wir haben zudem auch ein schallabsorbierendes Paneel in das Kopfteil unserer Betten eingebaut, um vor sogenannter Lärmverschmutzung zu schützen. Das Design soll an dieser Stelle funktionale Elemente beinhalten, die für den Benutzer eine positive Erfahrung s