Kaldewei Future Award by AW Architektur & Wohnen 2018

Regelmäßig stellen wir hier die neue Designtalente vor, die mit ihrer außergewöhnlichen Arbeit überzeugen und sich damit für den Kaldewei Future Award qualifizieren. 

Antoñito Y Manolín

Ein Designer-Duo aus Sevilla setzt auf Experiment und Handwerk. Heraus kommt Postapokalyptischer Chic 

Autodidakten mit Visionen. Für jedes neue Projekt starten Trini Salamanca und Pablo Párraga sorgfältige Recherchen, bevor sie eine Lösung finden, die sie überzeugt. „Man muss“, sagt Pablo, „die Grundlagen aller Techniken lernen, auch wenn das nur dazu dient, von ihnen abzuweichen.“ 2008 werden sie in Madrid ein Paar. Trini studiert Geisteswissenschaften und Journalismus, macht einen Master für Kulturmanagement, arbeitet in der Werbung und für die Musikindustrie. Pablo studiert Ökonomie und Feinholzbearbeitung. Ihre Väter hatten jeder eine Werkstatt. So war beiden der Umgang mit Experiment und Handwerk von Kindesbeinen an vertraut. 2014 gehen sie nach Sevilla, gründen das Studio Antoñito y Manolín, für das sie Leuchten, Möbel, Skulpturen entwerfen, die sie selbst fertigen. Von ihren Objekten heißt es, sie seien postapokalyptisch; Gebrauchsgegenstände, die einer fernen archaischen Kultur entsprungen scheinen. So wirkt etwa der Refektoriumsstuhl „Moloch“ dunkel und streng, als habe er einen Umbruch überstanden. Vertrieben werden viele ihrer Gegenstände vom exklusiven Studio Oliver Gustav mit Standorten in Kopenhagen und New York. Thomas Edelmann

TRULY TRULY

Grafisch, minimalistisch, dekorativ – geht das zusammen? Zwei Australier treten den Beweis an – und erregen damit Aufsehen 

Design aus Down Under. Das ist in Europa längst nicht so bekannt, wie es sein sollte. Doch das könnte sich jetzt ändern: Kate und Joel Booy, Grafikdesigner aus Queensland, kamen 2010 nach Eindhoven, wo Joel an der bekannten Design Academy Produktdesign studierte. Heute betreiben beide unter dem Namen Truly Truly ihr Studio in Rotterdam. Grafische, minimalistische Formen, die zugleich dekorativ wirken, mischen die zwei gekonnt zu Objekten. Mit ihren Präsentationen in den Niederlanden, aber auch auf dem SaloneSatellite erregten Joel und Kate international Aufsehen. Nun erhalten die Newcomer einen Ritterschlag: Sie dürfen „Das Haus“ für die imm cologne 2019 gestalten. Wer Konventionelles erwartet, dürfte überrascht sein, denn die Designer wollen die „typischen Funktionsweisen des Wohnraums hinterfragen und Alternativen entwickeln“. Ihr Name? Ist Programm! Er soll sie daran erinnern, Dinge richtig zu machen, ehrlich und kunstfertig, ohne den eigenen Weg aus dem Auge zu verlieren. Die Koelnmesse verspricht sich von ihrem Entwurf einen konzeptionellen Ansatz, der vermeintlich Gegensätzliches zu einem Ganzen zusammenbindet, Kunst und Design ebenso wie Abstraktion und Sinnlichkeit. Thomas Edelmann

SCHOLLE & DEUBZER

Zerbrechliche Leidenschaft: Ein paar entwirft in Niederbayern bezaubernde wie betörende Glasobjekte, die das Licht suchen

Zwei mit Durchblick. Auf einem Hof im niederbayerischen Osterhofen, auf halber Strecke zwischen Straubing und Passau, sind die Glasmacherin und Kunsttherapeutin Rike Scholle und der Glasgestalter und Yogalehrer Eduard Deubzer gelandet. Sie stammt aus Hamm in Westfalen, er aus Oberbayern. „Das Leben muss gefeiert werden“, sagt Rike. „Glas ist geil“, sagt Eduard. Sie arbeitet mit heißem Glas, bläst und formt am Glasofen individuelle Einzelteile, die sie zum Objekt arrangiert. Er veredelt Oberflächen durch traditionelle und moderne Schlifftechniken und verleiht ihnen ein samtiges, brillantes Finish. „Die meisten meiner Arbeiten“, erläutert sie, „werden zu Lichtobjekten, weil Glas durch Licht zusätzlich an Lebendigkeit gewinnt.“ Wären wir in den 90ern, könnte man bei ihrem Werk ein wenig an Dale Chihuly denken (allerdings verzichtet sie auf Farbe) und bei seinem gelegentlich an Danny Lane. Doch Scholle und Deubzer entwerfen und formen in der Gegenwart. Seit 2005 betreiben sie ihr gemeinsames Atelier. Neuerdings kombinieren sie ihre Glasobjekte mit Metall. Ihre Arbeiten waren bereits in Corning in den USA sowie in der Münchner Villa Stuck zu sehen. Thomas Edelmann

Lorenzo Cereda

Heavy Metal: Prototypen aus Stahl, Aluminium und Eisen bilden die Wohnkollektion des eher leisen Italieners

Vornehme Zurückhaltung scheint die Devise von Lorenzo Cereda zu sein. Denn sonderlich viel gibt der italienische Designer auf seiner Website nicht von sich preis: Er lebt in London, arbeitet in einem Innenarchitektur-Büro und nennt 16 Personen und Strömungen, die ihn beeinflusst haben. Neben den üblichen (u.a. Bauhaus, Alchimia, Memphis, Mies van der Rohe) werden Künstler wie Serge Najjar, Jeff Depner, Getulio Alviani, der Architekt Kengo Kuma, der Fotograf Guy Bourdin oder der Filmemacher Wes Anderson aufgeführt. Ein illustrer wie inspirierender Mix. Cereda hat einen Bachelor für Tourismus-Wissenschaft und einen vom Mailänder Politecnico, für Design. Auf nicht weniger als ein Raumempfinden, das Herz und Seele berührt, zielt er ab. Die Arbeit in Werkstätten ist ihm wichtig, das Spiel mit Metall, die Nutzung unterschiedlicher Schweißverfahren. Schon als Kind brachte er sich in der Werkstatt seines Onkels wichtige Fertigkeiten bei. Bei einigen seiner Objekte nutzt Cereda Farbeffekte des Schweißens für Akzente, kontrastiert mit perfekt reflektierenden Oberflächen. Tisch, Daybed, Schrank, Stuhl und Beistelltisch haben keine Namen, jedes seiner Stücke ist ein Prototyp, handgefertigt vom Designer. Thomas Edelmann

Mae Engelgeer

Denkt gern in Serie: Die Niederländerin liebt das Stoffliche und dekliniert dabei spezielle Kombinationen von Farben, Materialien, Texturen durch

Talent für Textildesign – damit wären wir schon mittendrin im wichtigsten Arbeitsfeld der niederländischen Designerin. Mae Engelgeer studierte am Amsterdam Fashion Institute und am Sandberg Institute, bevor sie sich 2014 selbstständig machte. Seither gibt’s regelmäßig neue Produkte von ihr, ob für Savoir Beds in England, Kvadrat in Dänemark oder die holländische Firma Baars & Bloemhoff, die Materialien für Innenarchitekten anbietet. Zweimal entwarf sie handgemachte Nepal-Teppiche für CC-Tapis aus Mailand. Sie hat Gespür für Farben, geometrische Strukturen und lineare Elemente – und das ist gefragt. Wie die Fähigkeit, in Kollektionen zu denken. Ihre Teppichserie „Bliss“ (für CC-Tapis) besteht aus verschiedenen Stücken; das kompakteste ist als Wandteppich gedacht und könnte in kantig-modern gestalteten Räumen für ästhetische Kontraste und gute Akustik sorgen. Engelgeer bringt Dinge in Verbindung, etwa wenn sie für den Showroom von Baars & Bloemhoff möbelähnliche Objekte entwirft, die Materialien wie Metall-Laminate, HI-Macs oder Bambus-Parkett kombinieren. Ihre Entwürfe setzen auf das Zusammenspiel von Farben und Oberflächen unterschiedlicher Stofflichkeit. Das Gesamtbild? Schaffen sie vereint! Thomas Edelmann

Jochen Holz

Seine Objekte irritieren und faszinieren. Denn mit Farbe und Form erzeugt der Glasbläser völlig neue Kontexte

Steten Widerstand versuche er zu leisten. Allem gegenüber, was „zu laut, schräg, frech, konventionell, konsumorientiert“ sei. Sagt Jochen Holz. Als freier Glasbläser arbeitet er in London. In Kaiserslautern geboren, lernte er technischen Glasapparatebau, bevor er an der Kunsthochschule Edinburgh Glas und Keramik studierte und am Royal College of Art London im selben Fach seinen Master machte. Seit 2003 hat er ein Studio in der britischen Hauptstadt. Seine Objekte verbinden vertraute Formen, teils mit Anklängen an industriell gefertigte Glasprodukte, deren Gestalt er aber weiterentwickelt, farbig kombiniert, irritierend umformt, neu interpretiert. Glasrohre aus Borosilikat sind sein Ausgangsmaterial. An die Stelle von Symmetrie setzt Holz eine neue Gestalt, individuell ausbalanciert. Neben eigenen Kollektionen, die er in „Neon“, „Textured“ und „Coloured“ einteilt, fertigt er Einzelstücke und entwirft für Firmen; bei Hay ist seine Karaffe „Jug“ im Programm. Unsichtbarkeit und Zerbrechlichkeit sind typisch für klares Glas, Holz schafft neue Konnotationen. Ihn reizt die Kooperation über Grenzen hinweg. So stellte er mit Designern wie Martino Gamper, Tiago Almeida oder Max Lamb aus – in Kensington wie in New York. Thomas Edelmann

Tim Rundle

Ready fo Take-Off? Es begann mit einem Flugzeugstiz. Heute entwirft der Neuseeländer in London Möbel down to earth

Zunächst mal hob er ab! Bevor Tim Rundle aus Auckland 2008 mit seiner Freundin, der Keramikerin Lauren van Uden, nach London zog, landete er für Air New Zealand einen Coup: Er entwarf die „Sky Couch“, bei der sich drei benachbarte Sitze zu einer Spielzone zusammenfügen lassen – und die Familien mit Kindern das Reisen auf Langstrecken so um einiges vergnüglicher macht. Weitere Jobs rund ums Flugzeug folgen in diversen Industriedesign- Büros. Danach ist Rundle als Produktdesigner bei Tom Dixon und Conran and Partners tätig. Zu seinen gestalterischen Vorbildern zählt er Arne Jacobsen und Poul Kjærholm. Bei Dixon lernt er, dass der kommerzielle Aspekt eines Projekts der Kreativität nicht im Weg stehen müsse, sondern Antrieb für Innovation werden könne. Auch sei es gut, sich für Vertrieb und Verkauf zu interessieren, ohne die kein Projekt gelinge. 2015 macht sich Rundle in London selbstständig. Zugleich lehrt er am Royal College of Art Produktionstechniken. Sein eigenes, beständig wachsendes Werk besteht aus Möbeln und Leuch- ten, die er mit dem Charme des Einfachen versieht und sie doch wie alte Bekannte erscheinen lässt. Ist es nicht das, was gerade alle machen? Tim Rundle kann mehr und zeigt es – ganz bodenständig – mit Understatement. Thomas Edelmann

Isabel Ahm

Die Designerin aus Kopenhagen begeistert sich für Handwerk- und genau das vermitteln die Dinge des Alltags, die sie kreiert

Denken made in Denmark! Isabel Ahm steht in der Tradition des dänischen Designs, das sich bekanntermaßen oft in enger Auseinandersetzung mit dem Handwerk entwickelt. Dessen Fertigkeiten und Materialien brauchen wir – so das Credo von Ahm. Denn „Schwere, Ruhe und Materialität bilden einen willkommenen Kontrast zu der Beschleunigung, den glatten Oberflächen und Bildschirmen, denen wir im täglichen Leben begegnen“. Daneben betont die in Kopenhagen lebende Designerin ihre Leiden- schaft für alltägliche Dinge. Studiert hat sie an der Architekturfakultät der Königlich Dänischen Kunstakademie, wo sie später dann ein Jahrzehnt lang Masterstudenten des Möbeldesigns betreut. Erste berufliche Stationen führen sie ins Industriedesign. 2008 gründet sie ihr eigenes Studio. Neben Bolia bieten kleinere Labels wie Please wait to be seated oder Feelgood Designs ihre Möbel an. Den Tisch „Rúna“ aus geräucherter und geölter Eiche entwickelte sie für die Präsidentensuite eines Hotels in Dubai. Auf Anfrage wird er von der Tischlerei Kjeldtoft in Brabant handgefertigt. Auch der Prototyp ihres Rückzugsmöbels „Off“ wurde übrigens dort hergestellt. Thomas Edelmann

Serena Confalonieri

Die Mailänderin unternimmt Welt. und Zeitreisen - und holt das, was sie findet, gekonnt ins Hier und Jetzt

Mailand, wo sonst... Hier macht die Gestalterin aus Vimercate in der Brianza erstmals international auf sich aufmerksam. Auf der Designwoche 2013 präsentiert sie ihren „Flamingo“-Teppich für Nodus. Ausgangspunkt: ein Blumenmotiv, der alten niederländischen Malerei entlehnt. Confalonieri verwandelt die Farben in einen kontrastreichen Mix aus dunklen und leuchtenden Tönen, verändert den Maßstab und macht aus dem Wand- ein Bodenbild. Nach ihrem Abschluss am Mailänder Politechnico 2006 arbeitet sie in Architektur- und Designbüros – u.a. in Barcelona und Berlin. Sie erhält Einladungen zu Workshops nach New York, Chiapas (Mexiko) sowie Ílhavo (Portugal) und stellt immer wieder in Mailand aus, auf der Triennale oder bei Rossana Orlandi etwa. Gestalterisch nimmt sie Strategien von Sottsass und Mendini aus den 80ern auf und schafft einprägsame Objekte mit Hintersinn. Zudem ist sie Assistant Professor bei den Innenarchitekten ihrer Hochschule. Confalonieris Bandbreite beeindruckt: vom Entwurf eines Arzberg-Services mit modern interpretiertem Jugendstildekor über Art-Direktion und Entwürfe für die süditalienische Tapetenfirma Texturae sowie Teppich-Designs für CC-Tapis bis hin zu ihrer von indigenen Kulturen beeinflussten Masai-Kollektion. Thomas Edelmann

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