Kaldewei Future Award by AW Architektur & Wohnen 2020

Regelmäßig stellen wir hier die neue Designtalente vor, die mit ihrer außergewöhnlichen Arbeit überzeugen und sich damit für den Kaldewei Future Award qualifizieren. 

Niruk

NEUENTDECKER. Welcher Gestalter ist so vermessen, Neues erfinden zu wollen? Nina Ruthe und David Antonin vom Design Studio Niruk versuchen, das Neue im Bekannten zu entdecken. Die erfinderische Puristin gründete die Firma, er wurde nach seinem Praktikum zum Partner. Lichtreflexionen, Texturen und Materialeigenschaften begeistern die handwerklich geprägten Designer. Eine Vase aus Glas erhält mit einem historischen Waffeleisen ihre Form als flaches Gefäß für Blumenarrangements. Der „Stamm_Tisch“ klammert sich mittels Spanngurt an jeden stabilen Baumstamm.

niruk.de

Savvas Laz

MATERIALFORSCHER. Speziell geformte Styropor-Elemente für den sicheren Transport wertvoller Produkte sind Rohstoff der „Trashformers“. Savvas Laz macht daraus limitierte Objekte. Neu kombiniert überzieht er sie mit Kunstharz, Farbpigmenten und Fiberglas. Der in Athen ansässige Ingenieur machte seinen Master an der Designschule Écal in Lausanne. Auch der Rotterdamer Künstler-Aktivist Joep van Lieshout prägte ihn. Savvas Laz verbindet Humor mit einer Vorliebe für fein bearbeitete Materialien, etwa bei „Boudoir Fétiche“, einer Serie von Alltagsgegenständen aus Marmor, Leder und Messing.

savvaslaz.com

Huw Evans

KONSTRUKTEUR. Zeiten neuer Einfachheit? Designer wie Huw Evans aus dem englischen Knutsford entdecken bekannte Prinzipien für sich neu. Das feste, nur bedingt bewegliche Material Holz lässt sich durch gezielte Einschnitte flexibel und formbar machen. Evans nutzt das Prinzip, das er während seiner Studien für sich erforschte, für seine Kollektion aus Möbeln und Leuchten. Das ziehharmonikaartig variierbare Holz wird so mal zur flachen Tischplatte, mal zum gefalteten Lampenschirm und schließlich zur dreidimensionalen Sitzschale. Mit dem Namen „Concertina“ erinnert Evans an die Ästhetik der Fifties.

huwevans.co.uk

IAN ALISTAIR COCHRAN

Der Bildhauer aus Brooklyn experimentiert mit der Lichtbrechung von Kunstharz. Dabei schafft er skulpturale Möbel, die sich aus einzelnen Elementen zusammensetzen.

Harz-Reform. Seine Entwürfe seien verspielt wie Objekte von Je Koons, aber ohne deren Kitsch, sagt der Galerist Fernando Mastrangelo über den amerikanischen Bildhauer und Designer Ian Cochran. Das Kunststudium absolvierte Cochran (Jahrgang 1990) am Kansas City Art Institute. Heute arbeitet er in Brooklyn, wo er seine Objekte aus farbigem Kunstharz entwickelt und fertigt. Das Material schätzt er wegen ungewöhnlicher Effekte, die durch Lichtbrechung entstehen. Er gießt es in Form und poliert es danach. Den Anfang machte 2018 „Plump Table“, ein Couchtisch mit einer Tischplatte aus transparentem Acryl. Die einzelnen Elemente sind zusammengesteckt. Der Designer konstruiert sie ohne Kleber, Schrauben oder Tischlerarbeit. Er erzeugt Farbverläufe im Harz, mitunter nutzt er eingeschlossene Bläschen, um Flächen zu strukturieren. Erinnert an Pop-Kultur und Memphis... Nach einem Vorbild befragt, nennt Cochran den dänischen Künstler und Designer Ólafur Elíasson. Thomas Edelmann

VANTOT

Leuchten bevorzugt! Die beiden Niederländer Esther Jongsma und Sam van Gurp verleihen technischen Objekten eine zeitgemäße Gestalt – und erinnern damit zugleich an historische Vorläufer. 

Zeit-Reisen. Ihr Firmenname (von niederländisch „van ... tot“ für „von ... bis“) bezieht sich auf Entwurfsprozesse, die, bevor sie zum fertigen Produkt gelangen, beispielsweise mit der Auswahl einer Technik beginnen. Esther Jongsma und Sam van Gurp lernten sich während ihres Studiums an der Design Academy Eindhoven kennen. Nach dem Abschluss gründeten beide zunächst eigene Büros, bevor sie sich 2014 zusammentaten. Ihr Studio betreiben sie in einem einstigen Industriepark, heute ein Kulturzentrum mit Werkstätten vieler kreativer Kleinunternehmen. Dort entstehen ihre Alltagsobjekte, die ein wenig so aussehen, als seien sie Technikvisionen von Jules Verne. Inspiriert von industriellen Prozessen und technischen Entwicklungen, setzen die zwei Designer auf handwerkliche Fertigkeiten von einst und jetzt. Sie würden, so sagen sie, ihren Entwürfen eine „Dosis humanisierte Innovation" einpflanzen. Thomas Edelmann

Laurids Gallée

In einer Künstlerfamilie aufgewachsen, sehnt er sich nach Normalität – und findet sie im Design. Heute lebt der Wiener in Rotterdam und kreiert nicht nur für altes Handwerk neue Formen. 

Metamorphosen. Kunst kann nervig sein. Der heute 31-jährige Laurids Gallée wächst in einer Familie von Kreativen auf – und das führt zunächst zur Antihaltung. Als Jugendlicher entdeckt er dann eigene Zugänge zu Kunst und Design, studiert erst mal Anthropologie, bevor er zum Studium an die Design Academy Eindhoven wechselt, wo er 2015 seinen Abschluss macht. Gallée geht nach Rotterdam, hilft dort Künstlern und Designern bei der technischen Umsetzung ihrer Ideen.
2017 gründet er sein eigenes Studio. Der Transfer alter Handwerkstechniken hin zu aktuellem Design spielt bei Projekten wie „Hinterglas“ und „Passementerie“ eine Rolle. Hinterglasmalerei aus dem oberösterreichischen Mühlviertel kombiniert er mit oralen Dekors und Fabelwesen. Kantige Uniformschnüre, wie sie eine Wiener Manufaktur seit 1863 für Schulterstücke herstellt, lässt er umfärben und baut daraus dekorative Wandleuchten. Neuste Projekte basieren auf Gallées Erfahrungen mit Kunstharz. Thomas Edelmann

Sebastian Cox

Publikum wie Hersteller suchen derzeit händeringend nachhaltige Produkte. Ein Möbeltischler aus Greenwich zeigt, welche dicke Bretter man bohren muss, um sie zu erschaffen.

Woodwork. „Wir arbeiten jeden Tag daran, die britischen Wälder zu fördern“, sagt Sebastian Cox (Jahrgang 1986). Seine 2010 gegründete Firma ist eine Mischung aus Labor, Tischlerei, mobilem Sägewerk und Workshop. Mit Ninela Ivanova entwickelte Cox die Mycelium-Kollektion (2017) von Hängeleuchten, basierend auf Holzschnipseln, auf denen ein – in Form gebrachter – Zunderschwamm wächst. Was manche für nutzlose Holzabfälle halten, ist für Cox Ausgangsmaterial. Die mobile Bandsäge erlaubt es ihm, Bäumen in seiner Region, die gefällt werden müssen, ein zweites Leben einzuhauchen. Passend zu seinem „Beayleaf“-Loungemöbel aus englischer Kastanie (bezogen mit einem Stoff von Morris & Co.) etwa entwarf er ein Sideboard aus Esche und englischer Eiche. Brotkörbe namens „Landrace“ präsentierte Cox 2019 in einer Galerie in London. Es sind kompakte Holzstrukturen, verkleidet mit Bündeln wild gewachsener Weizenhalme. Thomas Edelmann

ZANELLATO/BORTOTTO

In Treviso - nördlich von Venedig - etablierten Giorgio Zanellato und Daniele Bortotto 2013 ihr Studio. Seither entwickeln sie eigensinnige Projekte für namhafte Kunden. 

Am Anfang war das Wasser. „Acqua Alta“ hieß 2013 das erste Projekt der Designer Giorgia Zanellato und Daniele Bortotto. Thema waren überlieferte handwerkliche Fertigkeiten sowie Handelstraditionen des Veneto. Vom Geschäft mit Gewürzen bis hin zu Stoffen, vom geblasenen Glas bis hin zur weltumspannenden Vernetzung. Die erste Kollektion für Rubelli und CC-Tapis zeigte bereits die konzeptionelle Vielseitigkeit der Designer. Cappellini und Moroso gehören zu ihren Auftraggebern, ebenso wie Galerien in Mailand oder Brüssel. Ihr Bett „Bend“ für Bolzan Letti nutzt traditionelles Schmiedeeisen in moderner Form. Dann wieder verbinden die zwei für die „Zeppelin“- Kollektion Betonoberflächen mit farbig schimmernden aufblasbaren Strukturen. Mit „Marea“ für De Castelli kehren Zanellato/ Bortotto zu ihren Anfängen zurück: Die fein ausgearbeiteten metallischen Fronten der Kommoden und Schränke zeigen Farbverläufe, die an den Einfluss der Gezeiten auf beständige Materialien erinnern. Thomas Edelmann

STUDIO MARFA

Janis Fromm und Florestan Schuberth machten 2015 in Hamburg ihren Bachelor- und gründeten ein Studio. Nur einige Jahre später haben sie ihren Master - und sind nicht nur Insidern bekannt. 

Das Gestern greift ins Heute. Objekte und Möbel der Moderne nachzubasteln ist zum Gähnen. Was aber geschähe, wenn etwa Charles und Ray Eames heutige Techniken, digitale Fräsen und Entwurfswerkzeuge sowie 3-D-Drucker zur Hand gehabt hätten? Wie Designgeschichte und Gegenwart auf entspannt-lässige Art zusammen finden, zeigt das Hamburger Team „Studio Marfa“, 2015 gegründet von Janis Fromm und Florestan Schuberth. Mit dem Namen legen sie die Latte bewusst hoch: Er erinnert an den texanischen Wirkungsort des minimalistischen Künstlers und Designers Donald Judd. Studio Marfa räumen Preise als Nachwuchsdesigner ab. Zu ihren Entwürfen gehören der raumgreifende Lounge-Sessel „Soma“, „Modulo“, ein modular konstruiertes Sideboard mit feinen Details, und zuletzt „Andy“, der Ahornstuhl mit Wiener Geflecht und nachgiebiger Lehne. Was noch fehlt, sind Hersteller für ihre ikonischen Objekte.  Thomas Edelmann