Interview mit Samand Setareh Interview zweiter Teil

Jedes Stück erzählt eine Geschichte: von Tradition und Begegnung, vom Glauben, von Zeit und Natur. Der Düsseldorfer Kunsthändler Samand Setareh sieht im Teppich die Grundlage kultivierten Wohnens. 

A&W: Ein Aubusson wird gewebt. Ist Wirktechnik für einen Mann wie Sie nicht eine Enttäuschung? Ein Teppich zweiter Wahl? Kein weicher Flor, sondern flaches Gewebe … Setareh: Keineswegs. Ein erstrangiger Aubusson ist fein gearbeitet. Muster und Dekors sind so angelegt, dass sie fast dreidimensional wirken. Das ist, wenn Sie so wollen, etwas Intellektuelles anstelle der Sinnlichkeit des Orientteppichs.

Teppich aus der Manufaktur in Aubusson

Nicht alles muss aus dem Orient kommen: Die Manufaktur in Aubusson lieferte kostbar gewebte Teppiche für Frankreichs Paläste – die Kunst des Rokoko gab das spezielle elfenbein- und rosafarbene Pflanzendekor.

 

A&W: Was ist intellektuell an plastisch wirkenden Blumenornamenten? Setareh: Die Geschichte, die sie erzählen. Das ist auch die Geschichte einer Begegnung von Kulturen, also sehr modern. Mitteleuropa war viel enger verwoben mit dem Orient, als wir uns bewusst machen. Die Sarazenen brachten Philosophie, Mathematik und ihre hoch entwickelte Medizin. Das alles kam über Venedig und Südspanien nach Europa. Frankreich war die Schnittstelle. Und dort entstanden die Teppiche, erst Tapisserien, später auch Bodenteppiche.

A&W: Schön, die Idee ist orientalisch inspiriert, aber die Form französisch. Setareh: Das stimmt. Zur Zeit Ludwigs XIV. ging es darum, die Repräsentationsbauten der Monarchie auszustatten. Dazu gehörten Teppiche, aber bitte nach Entwürfen der eigenen Architekten. Die Manufaktur von Aubusson setzte solche Entwürfe in einer von Kelim und der Tapisserie abgeleiteten Wirktechnik um – Farben und Ornamente nahmen die Blütenpracht der höfischen Gärten auf.

A&W: Heute sind wir mutig. Wir spielen mit Formen und Traditionen. Aber kaufen wir noch Teppiche? Setareh: Das Publikum ist deutlich jünger geworden. Es sind 35-Jährige, die in ihrer Umgebung die eigene Persönlichkeit und eine global geprägte Gegenwart zum Ausdruck bringen. Sie können sich zumindest vorstellen, dass der Teppich dabei eine wichtige Rolle spielt.

A&W: Aber sie kennen sich noch nicht wirklich in der Materie aus … Setareh: Es sind Menschen, die viel an Formen und Farben gesehen haben. Viel Kunst. Und die anfangen, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Manche denken vielleicht an Teppiche in ihrem Elternhaus. Zur Zeit des Wirtschaftswunders kam viel Massenware ins Land. Aber wenn sie erlebt haben, was in der hohen Teppichkunst möglich ist, wenn sie es gesehen, angefasst und gefühlt haben – dann sind sie überzeugt.

A&W: Wofür steht ein Teppich heute? Setareh: Wofür er immer gestanden hat: für Zeit. In alte Teppiche wurde ja das ganze Leben hineingeknüpft, alles Wissen um Tradition, der Rhythmus der Jahreszeiten. Das Leben allein diktierte, welche Form er annahm. Wichtig war der Respekt, der sich in einem Stück ausdrückte, das feine Material, der Bezug zur Natur. Genau das bringt ein guter, ein nobler Teppich auch heute in ein Haus hinein.

Setareh & Söhne

Königsallee 27–31 | 40212 Düsseldorf
T 02 11/168 48 28
Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 11–18 Uhr
www.setareh.net

 

 

Seite 2 : Interview zweiter Teil
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs