Interview mit Gordian Weber Interview zweiter Teil

Mit Leichtigkeit überspringt die Kunst der Antiken die Zeiten, meint der Kölner Händler Gordian Weber und erläutert, warum die klassischen Skulpturen der alten Griechen und Römer sich gut in unser Leben einfügen. 

A&W: Haben Künstler wie Matisse oder Picasso die Werke der Antike kopiert? Weber: Das wohl nicht. Sie waren verblüfft über die Eleganz einer Abstraktion, mit der Menschen schon vor 2000 oder 3000 Jahren das Wesentliche herausgestellt und alles andere weggelassen haben. Ich besitze die Skulptur einer Venus, eine kleine römische Bronze aus dem ersten Jahrhundert vor Christus: Es ist erstaunlich, wie sehr sie Werke der 1920er- oder 30er-Jahre vorwegnimmt, etwa die fließenden Formen in Plastiken von Aristide Maillol. Und siehe da: Die Skulptur stammt aus der Sammlung des Malers André Derain, der einer der Pioniere der klassischen Moderne war.

Marmorkopf des Antonius

Der Marmorkopf des Antonius, entstanden um 135 n. Chr.

A&W: Sie selbst sind Archäologe. Lassen sich solche Stücke heute noch finden? Weber: Nur in Sammlungen. Was heute archäologisch ergraben wird, bleibt der Wissenschaft vorbehalten. In den Handel kommt davon so gut wie nichts. Das verhindern zum einen die Exportbestimmungen. Vor allem in den mediterranen Ländern achtet man streng darauf, das kulturelle Erbe zu wahren. Zum anderen hat sich der internationale Verband der Antikenhändler IADAA, dessen Vorsitzender ich bin, dazu verpflichtet, selber gegen Plünderung und Schmuggel aktiv zu werden: Heute kommen nur noch Objekte in den Handel, die schon in Sammlungen dokumentiert sind.

A&W: Es ist ein geschlossener Markt? Weber: Wie bei Möbeln aus dem Barock: Da kommt auch nichts Neues hinzu.

A&W: Wie wirkt sich das auf Preise aus? Weber: Sie steigen. Langsam und stetig. Antike Kunst ist nichts für Spekulanten. Aber es geht dabei um Werte, die resistent gegen Moden sind. Das honoriert der Markt. Außerdemist die Nachfrage international: Auch Sammler aus Abu Dhabi und Qatar fahren zur Antiquitätenmesse TEFAF nach Maastricht, wo wir jedes Jahr ausstellen, und halten Ausschau nach solchen Dokumenten der Zivilisation.

A&W: Objekte, in deren Gegenwart ein paar Tausend Jahre scheinbar verschwinden – das ist eine Herausforderung. Weber: Stimmt. Man erkennt sich selbst in diesen Menschenbildern, und da sie stolz und stark sind, muss man ihnen auch mit Stärke begegnen. Bei vielen meiner Kunden ist das ein langer Prozess. An seinem Ende aber steht eine Begegnung, die fast alle als erhebend beschreiben – ob es sich nun um einen steinzeitlichen Faustkeil handelt oder um einen griechischen Gewandtorso aus Marmor: Er ist nur die Andeutung einer Figur, ohne Kopf, ohne Arme, nur die Draperie – aber wenn Sie den vor ein Fenster stellen und das Sonnenlicht darüberstreicht, dann spüren Sie, dass etwas auf Sie übergeht.

A&W: In die Sonne? Schadet das nicht? Weber: Keine Sorge! So eine Skulptur hat 2000 Jahre überdauert, die wird – ob in der Sonne oder nicht – auch dieses Jahrhundert noch überleben.

Gordian Weber Kunsthandel

Gertrudenstr. 29 | 50667 Köln
T 02 21/257 60 87
Öffnungszeiten nach Vereinbarung
www.gordian-weber-kunsthandel.com

Seite 2 : Interview zweiter Teil
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs