A&W Designer des Jahres 1997 Werdegang

Er hat das Design unserer Zeit entscheidend geprägt, gilt Generationen von Gestaltern als Vorbild. Der Mailänder Achille Castiglioni wurde für sein beeindruckendes Lebenswerk 1997 zum ersten A&W-Designer des Jahres gekürt. Dieses Porträt erschien in A&W 1/97: Achille Castiglioni verstarb im Dezember 2002.

Werdegang

 

Achille Castiglioni wurde am 16. Februar 1918 in Mailand geboren, als jüngster von drei Brüdern. Der verrückteste war Livio, Jahrgang 1911, der sich für Radiobasteln und Amateurfunk begeisterte. Der folgsamste und fleißigste war Pier Giacomo, geboren 1913, der hervorragend zeichnete. Achillewar der verspielteste und „derjenige, der immer alles durcheinander brachte“.

Alle drei waren fasziniert von der Technik – und ganz selbstverständlich auch von der Kunst. Denn ihr Vater Giannino war Bildhauer – er schuf das linke Tor des Mailänder Doms, auf dem die Geschichte des Hl. Ambrosius dargestellt ist – und leidenschaftliches Mitglied der Mailänder Boheme. Castiglioni: „Zuerst haben wir natürlich meinen Vater nachgeahmt. Aber je älter wir wurden, desto weniger mochten wir sein Arbeiten.“

Aufregender als die altmodische Kunst ihres Vaters, der fest im 19. Jahrhundert wurzelte, fanden die Söhne die Entwicklung der Moderne: Künstler wie Lucio Fontana und Giacomo Manzú, oder Architekten wie van de Velde, Le Corbusier, Gaudí, Neutra, Terragni. Die Castiglioni-Brüder studierten Architektur, Achille promovierte 1944 und trat dem Studio seiner Brüder bei, das diese 1938 an der Piazza Castello eingerichtet hatten. Livio ging ab 1952 eigene Wege (er starb 1979), mit Pier Giacomo, seinem intellektuellen Gegenpart, arbeitete Achille bis zu dessen Tod im Jahre 1968 so eng zusammen, dass am Ende keiner mehr sagen konnte, was wer zu einem Entwurf beigetragen hatte.

Die späteren Erfolge lassen die Mühen des Anfangs in der Rückschau vergessen. Für die ersten 15 Jahre weist das Werkverzeichnis der Castiglionis gerade mal ein gutes Dutzend Produkte aus, darunter einen Staubsauger, eine Jugendkamera, eine Türklinke – aber auch sechs Lampen. „Wir mussten nehmen, was sich bot. Architekturaufträge zu bekommen war so gut wie unmöglich. Am ehesten konnte man sich als Designer über Wasser halten. Also haben wir nachgedacht über neue Formen des Wohnens. Wir leisteten viel Forschungsarbeit, die nicht unmittelbar Früchte trug.“

Trotzdem machten die Castiglionis keine Abstriche von ihren Ambitionen. Sie schrieben die klare Formensprache der Moderne kompromisslos fort. Die Quintessenz all ihrer Überlegungen zogen sie 1957 in ihrem Beitrag zu der Ausstellung „Farben und Formen im Haus von heute“ in der Villa Olmo in Como. Auf nicht mal zehn Quadratmetern inszenierten sie ihre Vision vom modernen Wohnen und schufen nicht etwa einen total durchgestylten Raum, sondern ein fröhlich-lässiges Sammelsurium von alten und neuen Möbeln, Artikeln für den täglichen Bedarf – Papierkorb, Fernseher, gusseisernes Wasserbecken – und eigenen Prototypen. Funktionalität ging ihnen vor Ästhetik, Benutzbarkeit fanden sie wichtiger als ein elitäres Ambiente. Castiglioni: „Warum gefallen den Menschen denn die italienischen Plätze so sehr? Die schönsten bestehen aus Häusern, die in verschiedenen Epochen gebaut wurden. Was macht ein Wohnzimmer schön? Schön wird es durch die vielen Elemente.“

Die Reaktion der Designszene: pures Unverständnis. Je mehr Jahre jedoch verstrichen, desto stärker wurde die Vision Wirklichkeit. Der Gedanke des legeren Stilmix setzte sich in der Wohnwelt durch, Entwürfe aus der Villa Olmo wie der Treckersitz-Hocker „Mezzadro“ und der sattelförmige Telefonhocker „Sella“ gingen 14 beziehungsweise 26 Jahre später bei Zanotta in Produktion.

Gerade an diesen beiden Möbeln lassen sich wesentliche Merkmale für Castiglionis Arbeitsweise ablesen: einerseits die Reduktion, das Streben nach der minimalen Form; und zum anderen das spielerische Mittel der Zweckentfremdung, das als „Readymade“ bereits von einem Duchamps oder Picasso in die Kunst eingeführt worden war. „Wir wollten in eine neue Dimension vorstoßen, indem wir Objekte schufen, die aus zweckentfremdeten Teilen zusammengesetzt sind“, erläutert Castiglioni das Prinzip, Neues aus Bekanntem zu kombinieren. Er nennt es die „Transformation von Massenartikeln“, der er in vielen Entwürfen treu geblieben ist.

 

Autor:
Wolfgang Nagel
Fotograf:
Uli Weber