A&W Designer des Jahres 1997 Die 60er Jahre

Er hat das Design unserer Zeit entscheidend geprägt, gilt Generationen von Gestaltern als Vorbild. Der Mailänder Achille Castiglioni wurde für sein beeindruckendes Lebenswerk 1997 zum ersten A&W-Designer des Jahres gekürt. Dieses Porträt erschien in A&W 1/97: Achille Castiglioni verstarb im Dezember 2002.

Die 60er Jahre

 

Der Aufstieg des italienischen Designs in den 60er-Jahren brachte auch den Castiglioni-Brüdern Aufträge und Anerkennung. Zwischen 1960 und 1967 gewannen sie viermal den Compasso d’Oro, den Oscar der italienischen Gestalter. Mit ihren Leuchten brachten sie es zu wahrer Meisterschaft. „Man muss beim Entwerfen alle Vorstellungen von einer vorhandenen Form ablegen“: Nichts belegt diesen Satz Castiglionis besser als die Vielzahl neuartiger Leuchten, nirgendwo fand sein Sinn für technische „Clous“ ein so dankbares Feld.

Bereits 1955 zeichneten die Castiglionis den ersten Deckenfluter („Luminator“), mit „Arco“ schufen sie ein Mittelding von Hänge- und Stehlampe, mit „Parentesi“ eine stufenlos verstellbare Leuchte, die an einem Seil zu schweben scheint, und mit „Frisbi“ eine raffinierte Hängeleuchte, bei der eine an drei dünnen Drähten befestigte Plastikscheibe gleichzeitig Blendschutz und Reflektor ist.

Gemeinsam ist all diesen Objekten, dass wir sie mit einer gewissen Verblüffung, ja, mit einem Anflug kindlichen Staunens betrachten. Wir sind erheitert, wenn wir dem Prinzip auf die Schliche gekommen sind. Und, wichtiger noch: Wir sind nie enttäuscht, weil wir nicht das Gefühl haben, einem simplen Gag aufzusitzen. Zweckentfremdung heiligt nicht alle Mittel. Jede von Castiglionis Finessen hat ihre Funktion. Nutzloses verdient nach Castiglionis Meinung gar nicht erst entworfen zu werden, Nützliches aber muss nicht getragen und ernst daherkommen. Es darf getrost ein Quäntchen Humor zeigen – ganz wie sein Schöpfer.

Dieses Prinzip immer wieder realisiert zu haben, bei unterschiedlichsten Entwürfen: Das ist das eigentlich Charakteristische, das Castiglionis Arbeiten auszeichnet, nicht ein „Stil“ im Sinne einer persönlichen Formensprache. Es ist die Methode des Entwerfens, die zu unverkennbaren Ergebnissen führt, nicht ein ästhetisches Prinzip.

Fragen nach seiner Ästhetik weicht Castiglioni darum auch systematisch aus. Der Kettenraucher zieht dann noch heftiger an seiner Zigarette und will schon wieder aufspringen, um neue Objekte für sich antworten zu lassen. Doch damit kann er die Frage nicht aus der Welt räumen, warum seine Objekte ästhetisch überzeugen. Denn sie sind ja nicht praktisch und pfiffig allein, sondern durchaus bewusst gestaltet und schön anzuschauen.

„Na gut“, kapituliert Castiglioni schließlich, „es wäre natürlich verkehrt, den Nicht-Künstler zu spielen.“ Doch welche Form genau er einem Objekt gäbe, das sei wohl doch so etwas wie Intuition, das könne er nicht in Worte fassen. „Vielleicht haben wir“ – er antwortet für seine Brüder mit – „im Umgang mit Formen und Proportionen doch einiges von unserem Vater mitbekommen.“

Sagt’s und springt nun doch auf, um eine verformte Cola-Dose hervorzukramen, die er einem Schwarzen für zwei Dollar im New Yorker Central Park abgekauft hat. Die Außenwand ist rundum senkrecht aufgeschlitzt, das Ganze ein bisschen gebogen, gedreht, gestaucht, ein Teelicht hinein – und fertig ist der Lampion. Castiglioni strahlt wie ein Kind: „So raffiniert und so einfach – das gefällt mir.“

Es könnte ein Stück von ihm sein. Es ist ein Stück von ihm.

 

Autor:
Wolfgang Nagel
Fotograf:
Uli Weber