Die vierhändige Gestaltung Mitarbeiter wie eine Rockband

Ihr Studio gleicht einer Rockband. Sagen sie. Sie hätten auch gute Schauspieler abgegeben. Finden sie. Sie vergleichen sich mit dem Fuchs und Igel eines philosophischen Essays. Und sie unterhalten sich mittels ihrer Zeichnungen, die als Inspirationsquellen in die Fotos dieser Produktion projiziert wurden. Die beiden bretonischen Brüder Ronan und Erwan Bouroullec sind A&W-Designer des Jahres 2013.

Mit ihrem Studio sind die beiden vor ein paar Jahren aus dem etwas unruhigen Vorort Saint Denis in einen Hinterhof im 10. Arrondissement im innenstädtischen Pariser Norden umgezogen. Relativ klein ist es immer noch. Fünf feste Mitarbeiter, ein paar Praktikanten, „die dann oft zu festen Mitarbeitern werden“, berichtet Erwan. Ein organischer Prozess. „Unsere Studio-Crew ist wie eine Rockband“, sagt Erwan. „In so einer Band hat keiner Gitarre oder Schlagzeug studiert. Das sind Autodidakten. Hier wurden die meisten, ich allen voran, auch nicht ordentlich auf der Hochschule in ‚Design‘ ausgebildet. Ronan ausgenommen. Wir lernen immer am jeweiligen Projekt dazu.“

Vielleicht nicht ganz so ausgelassen, wie man sich das Leben einer Rockband vorstellt, aber sehr entspannt geht es im Studio der beiden Brüder zu. Alle lernen gerade eifrig. An vielen Projekten gleichzeitig, die bald Deadline haben. Dass es nicht zu viele Projekte werden, ist die größte Sorge von Ronan und Erwan. Das Studio soll auf keinen Fall weiter wachsen. „So bewahren wir unsere Unabhängigkeit“, erklärt Ronan entschlossen. Ihr wichtigster Trumpf. Dafür müssen sie sehr oft Nein sagen, Aufträge ablehnen. Nur was ihnen – ihnen beiden – sinnvoll und interessant erscheint, wird nach reiflichem Abwägen übernommen. Es ist erstaunlich, wie man mit dieser Strategie ein solch umfangreiches Portfolio zustande bringt.

Auch wenn sie nach eigener Einschätzung „im Prinzip nur für vier bis fünf Auftraggeber“ tätig sind, liest sich ihre Referenzliste beeindruckend: Tableware für Alessi, eine Badezimmerserie für Axor/Hansgrohe, Leuchten für Flos; Tische, Stühle, Sofas für Ligne Roset; Möbel für Magis und Kartell, die innovativen Raumteil- oder Vorhangelemente „North Tile“ und „Cloud“ für Kvadrat und natürlich vom Office- bis zum Wohnbereich zahlreiche Entwürfe für Vitra. Von denen haben viele wie die berühmten „Algues“, kleine Plastikelemente, die zusammengesteckt auch als Raumteiler fungieren, und das Sofa „Alcove“ mit sichtschützend hochgezogenen Rücken- und Seitenlehnen nicht nur bereits Klassikerstatus erreicht, sondern neue Möbelgattungen begründet.

Ronan steht hinter Erwan, schaut ihm über die Schultern auf dessen neue Skizze, setzt sich schweigend an den Tisch und beginnt ebenfalls zu zeichnen. Kurz darauf dasselbe nur umgekehrt. Erwan schaut auf Ronans Zeichnung, schweigend, geht zurück an seinen Platz, modifiziert seine Skizze. Auch das ist eine angeregte Konversation zwischen den beiden. Sie unterhalten sich – im Wortsinn, auch wenn sich das in diesem Zusammenhang merkwürdig anhört – ohne Worte mittels ihrer Zeichnungen. Sie erkennen, was der andere meint.

„Wir sehen uns nur zum Arbeiten“, erzählt Ronan. „Es kostet sonst zu viel Energie.“ Sie würden auch abends im Restaurant, in der Bar, in der Theaterpause ihren Diskurs aus dem Studio sofort wieder aufnehmen. Um sechs Uhr ist Schluss mit Design. Dann gehen sie zu ihren Familien, Ronan zu seiner Frau, der Designerin Inga Sempé und seiner kleinen Tochter, mit denen er gut fünf Minuten entfernt vom Studio wohnt. Erwan auch zu seiner Frau und kleinen Tochter, ebenfalls etwa fünf Minuten vom Studio entfernt – in die entgegengesetzte Richtung.

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Jonas Unger, Oliver Schwarzwald