A&W Designer des Jahres 2006 Filz und Tuch

Der Italiener entwirft Sessel, die sich selbst entfalten, Regale in Menschengestalt, Möbel aus Filz und Sofas wie einen Sonnenuntergang über New York, wo er lebt. Für fast vierzig Jahre Materialforschung und seine phantasievolle Formensprache erhält er den Ehrenpreis A&W-Designer des Jahres 2006. Eine Inszenierung seines Werkes und ein Porträt - in 21 Akten.

STÜHLE AUS FILZ UND TUCH

 

Eigentlich gestaltet Gaetano Pesce gar keine Möbel. Nicht in dem Sinn, dass er einen Stuhl als innovative Sitzgelegenheit entwirft. Seine Modelle sind eher die Visualisierung einer Möglichkeit, einer Idee, einer Vision. Ein Stuhl ist eben erste Designerpflicht. Wenn man auf einem versteiften Tuch („Golgotha Chair“) und einer Filzkonstruktion („I Feltri“) sitzen kann, dann muss sich die Technik auch für Tische und Sideboards eignen. Aber die reizen ihn nicht. „Ist uninteressant“, sagt Pesce. „Ist ja nichts Neues mehr.“

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KLEINER SCHERZ

Westlich vom Broadway, wo sich SoHo vom szenigen zum schicken Viertel wandelt, ist „Moss“, eine Kombination aus Shop und Galerie, die Adresse für Design. Im Souterrain begutachten zwei Damen und ein Herr mittleren Alters eine riesige, bunt schimmernde Schale. „Feinstes Porzellan“, doziert eine der Damen. Mitten im andächtigen Staunen ihrer beiden Begleiter haut sie mit Wucht dagegen. Sie hat ihren größten Spaß an den verschreckten Gesichtern. Zum Glück ist die Schale von Gaetano Pesce. Die „Big Collina“ ist natürlich nicht aus Porzellan, sondern ein Produkt aus Kunstharz. Der Scherz der Dame veranschaulicht gleich mehrere Aspekte, die für Gaetano Pesces Werk charakteristisch sind: Das Modell ist weich, was für Pesce stellvertretend für feminines Design steht, es ist modern und überraschend. Und es ist innovativ, denn die Riesenschale kann für den Transport Platz sparend gefaltet werden. Sie hält weit mehr aus als spaßig gemeinte Attacken.

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PESCES PARADOXON

„Die Beziehung zu einem Objekt wird viel intensiver, wenn es einzigartig ist. Man beschäftigt sich schon beim Kaufen mehr damit. Wie bei den Jeans heute. Andere Waschungen, andere Macken, andere Details. Es gibt ja kaum zwei gleiche Hosen.“ Eine ähnliche Idee verfolgt Pesce bei Möbeln. Die Farben und Formen variieren. Er lässt sogar die Arbeiter kreativ mitwirken. Pesces Ziel ist EIN INDIVIDUELLES MASSENPRODUKT.

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NOCH WÜNSCHE?

„Ein Auto würde ich gern entwickeln. Ein Auto, dessen Gehäuse sich mit den Jahreszeiten farblich verändert. Oder einen Pavillon aus Gummi. Auf jeden Fall ein sich mit den Jahreszeiten farbbisschen elastisch.“

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FINDEN SIE IHRE OBJEKTE SCHÖN, SIGNORE PESCE?

„Schönheit ist eine sehr persönliche Geschichte. Ich glaube, dass das Unperfekte Schönheit ausmacht. Das Unperfekte ist einzigartig. EINZIGARTIGKEIT IST SCHÖNHEIT.“ Pesce sieht noch Fragezeichen bei seinem Gegenüber. „Es ist wie die Beziehung zu einem Menschen. Die Schönheit der Beziehung ist einzigartig. Wenn man hundert Freunde hat, ist jede einzelne Beziehung nicht mehr besonders.“

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund