A&W Designer des Jahres 2006 Zeit wiederholt sich nicht

Der Italiener entwirft Sessel, die sich selbst entfalten, Regale in Menschengestalt, Möbel aus Filz und Sofas wie einen Sonnenuntergang über New York, wo er lebt. Für fast vierzig Jahre Materialforschung und seine phantasievolle Formensprache erhält er den Ehrenpreis A&W-Designer des Jahres 2006. Eine Inszenierung seines Werkes und ein Porträt - in 21 Akten.

ZEIT WIEDERHOLT SICH NICHT

 

„Wenn ich jetzt auf meine Uhr sehe, ist es kurz vor drei. In 24 Stunden zeigt die Uhr die gleiche Zeit an, obwohl ein Tag vergangen ist. Es ist ein anderer Zeitpunkt.“ Pesce hat Anfang der 70er eine Uhr kreiert, mit einem Zeiger, der sich langsamer dreht. Er braucht 80 Jahre für eine Umdrehung – die durchschnittliche Lebenszeit. „Die Uhr zeigt nie dieselbe Zeit an, und man sieht immer, an welchem Punkt seines Lebens man sich befindet.“ Der Uhrenmarkt ist bis heute nicht reif dafür.

* * * * * * * * * *

VIELE WEGE FÜHREN ZUM ZIEL

Pesce fliegt meist zweimal im Monat zwischen New York und Europa hin und her. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Flugtickets der letzten Jahre. Ein Dutzend Stapel, jeweils gut zehn Zentimeter hoch. „Ich möchte vielleicht mal eine Wand damit tapezieren“, sagt er. Pesce muss oft nach Italien. „In Amerika gibt es keine Firmen, die an neuem Design interessiert sind.“ An Neuem in seinem Sinn. Also an Experimentellem. Er arbeitet vor allem mit europäischen Herstellern zusammen. Mit Cassina nach wie vor, mit Zerodisegno auch. Mit denen hat er 2002 die Serie „Nobody’s Perfect“ herausgebracht und für viel Wirbel und Gesprächsstoff gesorgt. Aber viele verstehen sein Design nicht richtig. Also hat er Mitte der Neunziger kurzerhand seine eigene Firma gegründet: Fish Design, es ist die Amerikanisierung seines Nachnamens. Für Fish Design entwirft er skurrile Vasen, Schalen, aber auch Gürtel, Ketten und Ringe. Alles, was sich aus ineinander verlaufenen farbigen Kunstharzmassen formen lässt.

* * * * * * * * * *

DER AUFSTIEG MIT DEM „UP“

Die besten Ideen kommen einem unter der Dusche. Einem Pesce allemal. Und so begab es sich in den Jahren 1968/1969, dass sich Gaetano Pesce im sprudelnden Nass der Körperpflege hingab, sich mit einem Schwamm einseifte. Da traf ihn die Idee wie der Blitz. Er drückte den Schwamm, der verschwand fast in seiner Hand, und richtete sich, als Pesce den Griff lockerte, selbst zu vollem Volumen wieder auf. Nun ist es nicht direkt nahe liegend, von einem Schwamm auf Möbel zu kommen. Pesce kam aber drauf. Er entwickelte die Idee vom Sessel, der in einem kleinen Karton geliefert wird und sich nach dem Öffnen automatisch zur vollen Größe aufplustert. „Up“ nannte er das voluminöse Stück, das sich 1969 in die Designwelt drängte.

An dem berühmten Modell „Up“ scheiden sich die Geister. Pesce möchte mit dem Sessel samt an die Kette gelegter Kugel, die eine Fußstütze ist, die Frau als in der Knechtschaft Gefangene symbolisieren. Andere interpretieren es als Frau mit Kind. „Ist mir auch recht“, sagt Pesce. Er freut sich über jede Interpretation. Design soll zum Denken anregen.

 

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund