Audi Mentorpreis by A&W 2010 Die Ursprünge

Algen, Kuhmägen, alte Knochen: Julia Lohmann entdeckt die Schönheit in Dingen, die andere eklig und wertlos finden. Mit ihren Objekten untersucht sie unser Verhältnis zur Natur – und erweitert so die Gesetze der Gestaltung. Deshalb erhielt die in London lebende deutsche Designerin den Audi Mentorpreis by A&W 2010.

Die Ursprünge

 

Zu Hause in Hildesheim, wo sie mit Kaninchen, Mäusen und Pflegepferden aufwuchs. Ihr Vater, ein Werklehrer und Vegetarier aus Berufung, quittierte die wenigen Male, die ihre Mutter Fleisch auf den Tisch brachte, mit Exkursen über Massentierhaltung und ihre ethische Fragwürdigkeit. Mit seiner Tochter unternahm er in den Ferien Wanderungen, auf denen sie Strandgut sammelten und daraus kleine Skulpturen bastelten. „Von ihm habe ich gelernt, die Schönheit in Sachen zu sehen, in denen sie kein anderer sieht“, erinnert sie sich.

Für die „Ruminant Blooms“ („Wiederkäuer- Blüten“) konservierte sie Kuhmägen in einer Lösung aus Zitronensäure, Aluminiumsulfat, Wasser und Salz und widmete sie zu Leuchten um: hinreißende kleine Objekte, die aussehen wie hart gewordene Häkelbeutel und ein warmes Licht geben. Man findet sie zuerst schön – und ist leicht befremdet oder gar angewidert, wenn man erfährt, woraus sie gemacht sind. Der kleine Schock ist beabsichtigt. Er soll sensibilisieren für die Frage, die Julia Lohmann umtreibt: „Warum tragen wir Lederkleidung und essen Steak, aber den Magen einer Kuh finden wir ekelhaft? Das ist doch unlogisch“, sagt sie, und lotet mit ihren Objekten aus, wann wir ein totes Tier noch als Tier erleben, das Mitleid verlangt, wann nur noch als Material.

 

Autor:
Gabriele Thiels
Fotograf:
Muir Vidler