A&W Designerin des Jahres 2000 Erst essen, dann reden

Sie ist eine moderne Nomadin und verknüpft Erfahrungen aus Ost und West zu einem multikulturellen Stilmix. Für ihre gestalterische Weitsicht wählte die Redaktion Paola Navone zum A&W-Designer des Jahres 2000.
Erst essen, dann reden

Das Interview, nein, das verschieben wir am besten gleich auf morgen. Erst essen, dann reden, schließlich sind wir in Mailand, und was hat sie denn auch groß zu sagen? Schon schnappt sie sich wieder die Jacke und eilt zu dem kleinen Restaurant an einem der vertrockneten Kanäle, die das Viertel durchziehen, Überreste von Leonardo da Vincis genialem Kanalsystem. Sie ordert eine Flasche Rotwein, versorgt flüs-ternd mit dem nötigsten Wissen („Der Wirt ist früher zur See gefahren, und das da ist seine fünfte Frau“), bestellt als Vorspeise Sardinen in sauer und als Hauptgericht Sardinen gebraten („Was soll ich tun? Mir ist einfach nach Sardinen“) und plaudert mit den anderen Gästen.

Claudio Mayer wiederum, ein großer, würdevoll melancholischer Triestiner, der mit einem abgewetzten Lederkoffer in der Hand direkt vom Flughafen ins Restaurant gekommen ist, erzählt Anekdoten über Paola. Wie sie vor einem feinen Hotel in Hongkong eine Chinesin am Kragen aus dem Taxi zerrte, weil die sich frech vorgedrängelt hatte – nicht etwa, um das Taxi dann selbst zu besteigen, sondern als ritterliche Geste für einen, der noch länger als sie selbst in der Warteschlange gestanden hatte.

Oder wie sie vor demselben feinen Hotel mit einem abgewrackten Lieferwagen vorfuhr und mit Hilfe der Pagen ihre Flohmarktbeute – Stühle, einen Tisch, ein Sofa – ablud. Eine Kämpferin, impulsiv, eigensinnig, das war sie immer, sagt sie. Und freiheitsliebend, voller Fernweh. Mit vier Jahren lief sie zum ersten Mal von zu Hause in Turin fort, nach dem Architekturstudium lebte sie ein Jahr in Kamerun, war Mitglied der legendären Gruppe Alchimia um Alessandro Mendini und Ettore Sottsass, reiste für einen Entwicklungsfonds durch Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen, um das dortige Kunsthandwerk exporttauglich zu machen. Die schlichten Möbel aus einfachen Materialien und in natürlichen Farben, die sie in diesen Ländern sah, waren die Inspiration für ihre Firma Mondo, die sie 1988 mit Giulio Cappellini gründete.

Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Maria Vittoria Backhaus