A&W Designerin des Jahres 2000 Ortstermin

Sie ist eine moderne Nomadin und verknüpft Erfahrungen aus Ost und West zu einem multikulturellen Stilmix. Für ihre gestalterische Weitsicht wählte die Redaktion Paola Navone zum A&W-Designer des Jahres 2000.
Ortstermin

Ortstermin. Der Showroom der Modefirma Piazza Sempione ist ein ehemaliges Weinlager im Naviglio, auf den Blick ein angenehm zurückhaltender Raum, perfekt für die Präsentation der angenehm zurückhaltenden Kleider. Weiße Wände, grauer Betonboden. Erst auf den zweiten Blick sieht der Besucher die schimmernde Perlmuttfarbe, mit groben Quastenstrichen auf die Wand gebracht, die Paravents aus schwarzem Bambus, die knöchelhohen Tische für Taschen und Accessoires, die, tiefer gelegt, plötzlich unendlich wirken als in Griffhöhe.

Ebenso reizend der Schriftzug "Piazza Sempione" an der weiß gefliesten Eingangswand: Buchstaben wie aus Lebkuchenteig geformt, tatsächlich aber aus Bronze gegossen - eine kindlich verspielte Idee, in ehrwürdiges Handwerk umgesetzt. Den instinktiven Einfall so ernst zu nehmen, dem Gefühl zu vertrauen, das ist ihre Stärke. Weibliche Stärke? Da winkt sie ab. Dass sie eine der wenigen Frauen ist, die in Design oder Architektur Karriere gemacht haben, ist für sie kein Thema. "Ich weiß nicht, warum es so wenige Frauen in diesem Job gibt. Vielleicht weil italienisches Design immer sehr ander Industrie orientiert war. Unsinnlich, undekorativ."

Der Mensch ist das Maß ihrer Dinge. Seine Bedürfnisse. Und dass er ein Bedürfnis nach noch mehr Zeug haben soll, glaubt sie nicht. "Wir brauchen neue Medikamente, aber keine neuen Stühle. Wir müssen uns nur an die erinnern, die es schon gibt." Ihr Traumprojekt ist daher auch, hoffentlich bald, einen ganzen Ort des Wohlergehens zu gestalten, ein Spa, ein Wellness-Resort, vielleicht auf einer der kleinen griechischen Inseln. Ihre Vorstellung von Glückseligkeit wäre dann, einen Masseur in Rufweite zu haben.

In zwei Tagen ist die Woche im Mailänder Bett um, dann muss sie nach Malaysia, wo sie iener kleinen Manufaktur mit ein paar Ideen hilft, weil sie das Ehepaar mag, das die Fabrik leitet. Und dann weiter um die Erde, Unbekanntes wieder entdecken, aus allem eine neue Welt erfinden. Natürlich weiß sie doch, was Heimat ist, diese moderne Nomadin: Zu Hause ist sie bei sich selbst.

Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Maria Vittoria Backhaus