A&W-Designer des Jahres 2011 Interview

Er entwirft Möbel - unsichtbar wie Luft, Sessel wie Bienenwaben, Installationen wie ein Wolkengebilde: Die Arbeiten des Japaners sind inspiriert von Naturphänomenen. Tokujin Yoshioka ist der A&W-Designer des Jahres 2011
Interview

Im Interview lässt sich der Meister von seinen Assistentinnen interpretieren. Er spricht kein Englisch, aus Prinzip nicht: „Warum sollte ich das lernen? Ich warte, bis es den Chip ins Gehirn gibt, mit dem man alle wichtigen Sprachen auf einmal beherrscht.“ Yoshioka Tokujin, wie er nach europäischer Regel heißen würde, grüßt freundlich – tiefer japanischer Diener –, macht es sich im Ledersofa der Lobby des Hotels Splendido in der Mailänder City bequem. So lauscht er seinen Assistentinnen Miko und Akiko, die alle unsere Fragen nahezu simultan übersetzen.

Tokujin-san, Sie entwerfen Bänke wie Wasserfälle, schaffen Wolkengebilde als Rauminstallationen, Sessel wie ein Blütenmeer. Inwiefern inspiriert Sie die Natur? Ich bin in Japan auf dem Land aufgewachsen, in einem kleinen Ort namens Saga. Dort lebte ich in und mit der Natur. Ich war immer besonders angetan von den natürlichen Schönheiten um mich herum. Das beinhaltet auch das vermeintliche Chaos und Durcheinander in der Natur. Aber vor allem die Schönheit, die der Zufall hervorbringt.

Der Zufall? Die Evolution probiert, testet, riskiert – und bringt auf diese Weise immer wieder neue Attraktionen zustande. Es hat stets auch etwas Zufälliges. Ja, es ist die Schönheit des Zufalls.

Und Sie wollen mit Ihren Arbeiten der Natur nacheifern? In gewissem Sinn schon. Es hat mich immer neugierig gemacht, warum die Menschen so bewegt sind, wenn sie Naturschönheiten betrachten. Ich versuche der Natur nachzueifern, was das Prinzip des Zufalls angeht. Ich will die Natur nicht imitieren. Ich versuche nur, ein ihr ähnliches Konzept anzuwenden bei meiner Gestaltung.

Heißt das, Sie wissen zu Beginn eines Gestaltungsprozesses gar nicht, was Sie gestalten werden? So kann man es wohl sagen. Die Anzahl und Verschiedenheit der Kreationen, die Menschen sich vorstellen können, ist äußerst gering im Vergleich zu dem, was tatsächlich möglich ist. Sie sind beschränkt durch ihren Geist. Wenn ich anfange zu experimentieren, dann gibt es Zufälle und überraschende Ergebnisse, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Also hätte ich auch nicht darauf hinarbeiten können.

Das bedeutet, Sie überraschen sich selbst? So ist es. Ich will immer überrascht sein von meinen Arbeiten. Und ich will immer überraschend sein mit meinen Arbeiten. Ich will immer mehr schaffen, als ich mir vorstellen kann.

Autor:
Barbara Friedrich, Jan van Rossem
Fotograf:
Giovanni Castell