A&W-Designer des Jahres 2011 Interview Teil 2

Er entwirft Möbel - unsichtbar wie Luft, Sessel wie Bienenwaben, Installationen wie ein Wolkengebilde: Die Arbeiten des Japaners sind inspiriert von Naturphänomenen. Tokujin Yoshioka ist der A&W-Designer des Jahres 2011

Wenn die Schönheit Ihrer Objekte durch Zufall entsteht, ist die wahre Schönheit dann überhaupt reproduzierbar? Ich denke schon. Zuerst entsteht die Schönheit durch einen Zufall, während ich experimentiere. Aber dann weiß ich, wie es funktioniert. Und dann kann ich es reproduzieren. Ich starte wie ein blutiger Anfänger mit meinen Forschungen. Am Ende bin ich ein Profi.

Sind Ihnen Gefühle für Ihr Design wichtiger als neue Formen oder Funktionen? Ja, es geht mir bei einem experimentellen Stuhl wie dem „Invisible“ für Kartell nicht um Komfort und Bequemlichkeit. Er soll Freude machen, Verwunderung, Verblüffung auslösen. Das ist mir das Wichtigste: Dass die Menschen etwas empfinden, wenn sie meine Objekte betrachten oder benutzen.

Wenn Sie kommerzielle Produkte für Ihre Kunden entwerfen, können Sie aber nicht so arbeiten, oder? Ich kann dann nicht einfach so herumexperimentieren. Aber ich sehe immer zu, dass ich etwas Neues schaffe, das der Charakteristik des Unternehmens entspricht. Für Kartell etwa den Stuhl mit geflochtener Plastik-Sitzfläche. Und für Moroso habe ich eine Installation, in der ich ein Wolkengebilde aus 30 000 Papiertaschentüchern erschaffen habe, auf einen Stuhl übertragen. Das sind immer auch Ergebnisse von Experimenten. Doch auch die können zufällig entstehen. Es darf nur nichts sein, was es schon gibt.

Da Sie gerade die Serie „Invisible“ erwähnt haben: Viele Ihrer Möbel und Objekte sind weiß oder transparent, als wollten Sie sich unsichtbar machen, aus der realen Welt verschwinden. Interpretieren wir das richtig? Das Objekt an sich ist für mich nicht so interessant. Es geht um die Idee, die Erfahrung beim Experiment, um Emotionen und Empfindungen. Das Transparente lotet die Grenze zwischen physischem Objekt und dem Immateriellen aus.

Wollen Sie den Betrachter verwirren? Im Gegenteil. Ich denke, dass die pure und reine Ästhetik viel eher die Idee des Objekts preisgibt. Damit kann ich besser ausdrücken, was ich erschaffen wollte. Ein weißes und ein transparentes Objekt ist symbolisch – einfach und stark. Und es gibt noch einen Grund: Weiß und Transparenz symbolisieren das Licht.

Sie selbst tragen hingegen fast ausschließlich Schwarz. Ist das auch symbolisch? Meine Objekte symbolisieren das Licht, ich den Schatten. In Japan sagt man: Weil es Schatten gibt, gibt es Licht.

Autor:
Barbara Friedrich, Jan van Rossem
Fotograf:
Giovanni Castell