Designgeschichte Die Ulmer Schule

Deutsches Design - solide Ingenieurskunst oder phantasievolle Vision? Volker Albus, Protagonist des Aufbruchs der 80er-Jahre und Dekan an der HfG Karlsruhe analysiert die Geschichte des deutschen Designs vom Bauhaus bis heute.

 

Von solch symbolhafter Eindeutigkeit war die HfG Ulm weit entfernt. Allerdings war sie auch nie intendiert. Sehr schnell wurde klar, dass es den Ulmern explizit nicht um eine Wiederbelebung der Allianz zwischen Kunst und Handwerk ging. Die Ulmer Schule sah die Aufgabe des Designers vornehmlich darin, objektiv ermittelte Sachverhalte aus der Ergonomie, der Empirie oder der Wahrnehmungspsychologie in ein gestalterisches, herstellungstechnisch optimiertes Gesamtkonzept zu überführen. Folgerichtig konzentrierten sich Otl Aicher, Max Bill oder Hans Gugelot auf Produktgattungen, deren Gestaltung sich ausschließlich aus Fakten ableiten ließ – und eben nicht aus einer Inspiration oder gar einem abgehobenen Kunstwollen.

Dia-Projektor

Dia-Projektor

Hans Gugelot, 1963

So steht Ulm für einen nüchtern durchgearbeiteten, schnörkellosen Gerätepark, der im Prinzip alle Versatzstücke der damaligen Alltags- und Arbeitswelt umfasste. Vor allem Max Bills „ Ulmer Hocker“ (1954) in Zusammenarbeit mit Paul Hildinger entwickelt, seine Junghans-Küchenuhr (1956), Hans „Nick“ Roerichts Hotelstapelgeschirr „TC 100“ (Thomas/ Rosenthal, 1958/59), Walter Zeischeggs „Stapelbarer Aschenbecher“ (Helit, 1966/67), Peter Raackes und Dieter Rafflers „Kunststoffschalenkoffer“ (Mono, 1964).

Vor allem aber waren es die Arbeiten Hans Gugelots, in denen sich der Ulmer Geist manifestierte. Mit seinen Radio- und Phono-Geräten für Braun, dem „G11“, dem „SK4“, dem „Schneewitchensarg“ (gemeinsam mit Dieter Rams 1956), dem Steuergerät „Studio 1“ (1956), dem Möbelsystem „M125“ (Bofinger, 1957) und dem genialen, später nur noch „Karussell“ genannten, Dia-Projektor für Kodak aus dem Jahr 1963 prägte Gugelot das Designverständnis dieser Schule wie kein anderer – zumindest, was das Industriedesign anbelangt.

Seltsamerweise ist es aber nicht ein „Original“-Ulmer wie Gugelot oder Aicher, den man heute, nahezu fünfzig Jahre nach Hans Filbingers „Liquidation“ der Schule im Jahr 1968, an erster Stelle mit Ulm assoziiert, sondern ein Designer, der weder in Ulm studiert noch dort gelehrt hat: Dieter Rams. Rams hatte 1953 sein Studium an der Werkkunstschule Wiesbaden abgeschlossen und war 1955 in die Firma Braun eingetreten. War die Entwicklung der Produkte in den folgenden Jahren noch stark von der Kooperation mit Ulm geprägt, verlagerte sich die Arbeit anfangs der 60er-Jahre in die firmeneigene Abteilung Produktdesign, die ab 1961 von Dieter Rams geleitet wurde. Sicher lassen sich bei den Braun-Produkten, die in der Ägide Rams entstandenen sind, die Ulm‘schen Ideale nachvollziehen. Man täte Rams allerdings Unrecht, würde man ihn als Apologeten Ulms bezeichnen. Rams‘ Verdienst begründet sich darin, dass er, wie er es nennt, die „leise Ordnung der Dinge“ nicht nur angemahnt, sondern sie in einer bis heute gültigen Qualität realisiert hat. Die in seiner Zeit entstandenen Geräte, sein Möbelprogramm „620“ (1962), sein Regalsystem „606“ (1960) gelten als Klassiker des Designs. Folgerichtig werden sie in Neuauflagen produziert – und stehen an prominentester Stelle, wie z. B. im Bundeskanzleramt. Kein Wunder also, dass auch führenden Designern unserer Tage wie Apple-Chefdesigner Jonathan Ive Dieter Rams‘ Design als vorbildlich gilt.