Designgeschichte Vom Wohnzimmer zur Wohnlandschaft

Deutsches Design - solide Ingenieurskunst oder phantasievolle Vision? Volker Albus, Protagonist des Aufbruchs der 80er-Jahre und Dekan an der HfG Karlsruhe analysiert die Geschichte des deutschen Designs vom Bauhaus bis heute.

 

Was aber war mit den Wohlfühlzonen des Alltags? Mit Möbeln und Leuchten, mit all den die Sinne stimulierenden Bausteinen der häuslichen Inszenierung? Die Ulm repräsentierenden Designer sahen sich primär als Ausrüster der Arbeits- und Geschäftswelten der noch jungen Bundesrepublik, aber bestimmt nicht als Inspiratoren privater Atmosphären. Doch die waren in den Sechzigerjahren im fundamentalen Wandel begriffen. Mit der aufkommenden Pop- und Jugendkultur der 70er-Jahre hatten sich quasi über Nacht sowohl die (Wohn)-Verhaltensmuster als auch die Erwartungen an adäquate Wohnformen radikal geändert. Nicht das Wohn-Zimmer war für die aufgeklärten Kreise von nun an der Ort entspannten Zusammenseins, sondern die Wohn-Landschaft. Überspitzt formuliert: Der körpergerecht modulierte Polsterblock wurde zum Baustein der neuen Wohnkultur.

Wie total anders sich Designer diese Wohnwelten vorstellten, konnte man dann 1968 und 1970 während der Kölner Möbelmesse besichtigen. Der dänische Designer Verner Panton hatte im Auftrag des Chemiekonzerns Bayer ein Rheinschiff mit „visionären“ Wohnlandschaften („Visiona 00“, „Visiona 02“) ausstaffiert: das „Super-sexy-mini-flower-pop-op“-Feeling war im deutschen Wohnzimmer vor Anker gegangen. Und nicht nur dort: 1969 ließen sich in Hamburg zunächst der Spiegel-Verlag und nur vier Jahre später Gruner und Jahr ihre Firmenkantinen von Panton einrichten – und schufen sich nebenbei über Jahrzehnte einen Ausweis für Aufgeschlossenheit und Progressivität.

Zur absoluten Ausnahmeerscheinung hierzulande avancierte, trotz aller ästhetischer und kommunikativer Ausreißer, Luigi Colani. Wie im Rausch entwarf Colani Kameras, Waschbecken (Villeroy & Boch), Autos, Fluggefährte – und natürlich Möbel. Und was für welche! Seine Liege „TV-Relax“ (Kusch+Co, 1969), die Liege „Sadima“ (Sadima, 1970) und nicht zuletzt die Wohnlandschaft „Pool“ (Rosenthal, 1970/71) zählen zu den überzeugendsten Beispielen an Polstermöbeln dieser die körperliche und mentale Entspannung huldigende Ära.