Designgeschichte Kunststoff - Material der Massenproduktion

Deutsches Design - solide Ingenieurskunst oder phantasievolle Vision? Volker Albus, Protagonist des Aufbruchs der 80er-Jahre und Dekan an der HfG Karlsruhe analysiert die Geschichte des deutschen Designs vom Bauhaus bis heute.

 

Allein: Mit der habituellen und konventionellen Lockerung breiter gesellschaftlicher Schichten lässt sich diese Flut organisch weicher Formen nicht erklären. Mindestens ebenso bedeutsam für das Design war der reale Aufbruch der Menschheit in fremde Welten – und die sich aus dieser Erfahrung ableitenden, jede Bodenhaftung negierenden Utopien. Architekten wie Arata Isozaki oder Archigram verlegten Wohnen und Arbeiten in sogenannte Spatial-, Walking- oder Plug-in-Cities. Machbar war das natürlich alles. Denn mit den hoch entwickelten und zugleich äußerst preiswerten Kunststoffen war es inzwischen möglich, nahezu jede organische Form, jede „Kapsel“, jede „Zelle“ nicht nur einzeln „per Hand“, sondern in Großserie zu produzieren.

Das galt erst recht für kleinere Einheiten wie Möbel, Geräte, Hausrat. Und die Designer nutzten diese Chance. So sind Günter Beltzigs Stühle „Floris“ (1967), so floral sie auch auf den ersten Blick erscheinen mögen, ergonomisch perfekt durchmodulierte Sitzmöbel. Und ebenso ist sein Sitzpult „Pegasus“ (1974) eine richtig gedachte Arbeitseinheit: eine in einem Stück hergestellte Kombination aus sattelartigem Hocker und einer davor positionierten Arbeitsfläche.

Das in jeder Hinsicht attributive Nonplusultra des Kunststoffstuhls jedoch markierte Helmut Bätzners sogenannter Bofinger-Stuhl: Aus einem Stück gefertigt – formgepresstes, fiberglasverstärktes Polyester -, konstituierte sich seine Statik ausschließlich aus seiner Profilierung. Zudem war er leicht, wetterfest, stapelbar und billig – kurzum: Er war einfach alles. Kein Wunder also, dass er bis heute das weitest verbreitete Stuhlkonzept aller Zeiten darstellt. Der einzige Unterschied zum heute millionenfach produzierten, deutlich hässlicheren „Monobloc“ besteht in der Produktionszeit: Dauerte die Herstellung 1964 noch fünf Minuten, macht die Presse heutzutage nur kurz „pffft“ – und fertig ist der Stuhl.