Designgeschichte Neues Deutsches Design

Deutsches Design - solide Ingenieurskunst oder phantasievolle Vision? Volker Albus, Protagonist des Aufbruchs der 80er-Jahre und Dekan an der HfG Karlsruhe analysiert die Geschichte des deutschen Designs vom Bauhaus bis heute.

 

Auch in Deutschland fühlte sich eine Generation junger Designer und Architekten ermutigt, andere Wege zu gehen. Insbesondere in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Köln und München formierte sich der Widerstand gegen die „Diktatur der Wirbelsäule“. Die stattdessen eingeforderte „Gleichberechtigung der Sinne“ suchte man durch die Berücksichtigung narrativer Elemente zu erreichen. Die vermeintlich unwirtliche Stadt wurde, ähnlich wie in Musik, Kunst und Film auch von den Gestaltern unter dem Label Neues Deutsches Design als Quell einer vermissten Identifikation entdeckt. So entstanden „Gefühlscollagen“ wie die „Baumleuchte“ von Kunstflug (1981), Siegfried Syniugas provokante „Künstlerstühle“ (1989), Axel Kufus‘ „Blauer Sessel“ (1984) oder Wolfgang Laubersheimers „Verspanntes Regal“ (1984). Das waren keine Möbel für den Massenmarkt und viele endeten im Museum. Aber in Bezug auf ein unmittelbares Materialverständnis wirkten diese Möbel aus Stahl, Knüppelholz, Schalttafeln oder Beton wegweisend.

Das bestätigte sich bereits in der unmittelbar an diese Aufbruchsphase anschließenden, von einer Düsseldorfer PR-Agentur so bezeichneten, „Neuen Bescheidenheit“, die sich vornehmlich in der Verwendung heller oder beschichteter Holzwerkstoffe, einer wesentlich ausgereifteren Fertigungsorientierung – und dem Verzicht auf provokante Witzigkeit ausdrückte. Und diese Professionalisierung machte sich bezahlt: Axel Kufus, Jakob Gebert, Ginbande oder Werner Aisslinger gelang etwas, was den Frühachtzigern versagt geblieben war: Ihre Entwürfe gingen durchweg in Produktion.

Und das bis heute. Firmen wie Nils Holger Moormann oder E15 begründen ihre Designphilosophie nach wie vor auf einem unverfälschten Materialgebrauch. Dennoch kann man diesen holzspezifischen Brutalismus kaum als den herausragenden Trend unserer Tage bezeichnen. Ganz einfach schon deshalb nicht, weil es den Trend heute nicht mehr gibt. „Nicht ein Design für alle, sondern viel Design für viele“ proklamierte die Gruppe Kunstflug einst. Und exakt so ist es – Gott sei Dank! – gekommen. Der stilistische Pluralismus ist das Charaktermerkmal des Designs von heute. Nahezu jeder ästhetischer Wunsch wird in allen nur denkbaren Varianten bedient. Firmen wie Authentics, Koziol oder Ritzenhoff, um nur einige zu nennen, kümmern sich mit permanent neuen Kollektionen um die Design-affine Ausstattung noch der letzten Nische in Küche, Bad und WC –wahlweise in Kunststoff, Glas, Porzellan oder in welchem Material auch immer. Andere, insbesondere die „Großen“, fahren schon seit den Achtzigern mehrgleisig. FSB, seit dem legendären „Türklinken Workshop von Brakel“ ein ausgewiesener Förderer der Koexistenz, produziert sowohl für den „allgemeinen“ Bedarf als auch für die individuellen Ansprüche einzelner Architekten. Oder Vitra: Einerseits bedient man den Markt mit einer Kollektion moderner Klassiker von Panton, Eames, Prouvé; zum andern eruiert man über „Editionen“ die Chancen unterschiedlichster Wohnstile – und arbeitet mit aktuellen Designstars wie den Brüdern Bouroullec, Konstantin Grcic und Hella Jongerius.