Finnland Helsinki - Europas coole Ecke

Helsinki ist die Heimat von Designlegende Alvar Aalto – und von ziemlich unkomplizierten, lässigen Menschen. Was sich in der Kunst- und Designszene spiegelt. Alles geht, alles ist erlaubt. In den Sonnenmonaten zwischen Mai und Oktober feiern die Finnen rund um die Uhr, als würde es kein Morgen geben. Wir gingen dem finnischen Phänomen auf die Spur.

Die breite Einfallstraße vom Flughafen in die Stadt ist nur sporadisch befahren. Trotz Hauptverkehrszeit. Helsinki ist mit gut einer halben Millionen Einwohnern für europäische Verhältnisse eine recht beschauliche Design-Metropole. Die Sonne strahlt, sie hat die Luft erwärmt, selbst im Schatten fast auf 16 Grad. Noch immer pfeift ein kalter Wind um die Häuserecken. An einer Straßenbahnhaltestelle vor der weiß marmorierten Finlandia-Halle, die die Architekturlegende Alvar Aalto der Stadt hinterlassen hat, steht eine Gruppe weiblicher Teenager in der Kleidung, die sie für diese Witterung angemessen halten: T-Shirt, Minirock, Flip-Flops. In Rom würde man bei diesem Wetter wohl noch Daunenjacken sehen. Die Helsinkierinnen zelebrieren ihren Sommer.

Ein Lied für Malmi
Harri Koskinen mit Stehleuchte Lamppu

Harri Koskinen scheint seine Stehleuchte „Lamppu“ (mit abnehmbarer Taschenlampe) als Mikrofon zu zweckentfremden. Für einen Protestsong gegen die Schließung des alten Flughafens Malmi.

Am Rande der City im Stadtteil Siltasaari hat Harri Koskinen sein Studio Friends of Industry Ltd., direkt am Wasser (was sich im Stadtgebiet von Helsinki fast nicht vermeiden lässt). Koskinen gehört zu den profiliertesten finnischen Industriedesignern der jungen Generation. Er ist wirklich ein Freund der Industrie, hat Glasobjekte für Iittala, die legendäre „Blocklamp“ (sieht aus wie ein großer Eiswürfel) für Design House Stockholm und eine Stehleuchte mit abnehmbarer Taschenlampe für Oluce entworfen. Er steht für das junge, moderne Helsinki: engagiert, pragmatisch, international. Wo das Porträt von ihm geschossen werden soll? „In Malmi“, bestimmt er ohne Zögern. Malmi heißt der alte Flughafen, der nur noch für Klein- und Sportflugzeuge genutzt wird. Warum Malmi? „Warum nicht?“ Eine Besprechung nach Koskinens Geschmack. Sehr finnisch. Bloß nicht zu viele Worte machen. So läuft auch das Interview. Ja, nein, weiß nicht, wenn du meinst, solche Antworten. Danke fürs Gespräch. Also wieder raus aus der Design-Metropole Helsinki. Vorbei an Kiefern, Birken, Birken, Kiefern. Auf dem Weg rückt Harri Koskinen doch ein bisschen raus mit der Sprache: Die Stadtverwaltung überlegt ernsthaft, den Flughafen zu schließen und dort Wohnungen zu schaffen. Koskinen ist dagegen, setzt sich dafür ein, die Architektur des alten Terminals zu erhalten. Das Fotoshooting ist – Achtung! Kleines angedeutetes Lächeln – sein Beitrag zum Protest. Wie ein Aufruf: A&W-Leser aller Länder vereinigt euch!

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund