Finnland Von Iittala bis Helsinkis Stadtmitte

Nordisch-pragmatisch
Kirche in Töölö

Die Bewohner des Stadtteils Töölö sollten eine Kirche bekommen, wollten sich aber ihren Felsen nicht wegsprengen lassen. Also wurde sie in den Felsen geschlagen.

Zurück in die Stadt geht es vorbei an dem alten Fabrikgebäude seines ehemaligen Arbeitgebers und heutigen Kunden. Koskinen hat nach seiner Ausbildung drei Jahre lang fest angestellt bei Iittala gearbeitet. In Iittala selbst, einem kleinen Ort 100 Kilometer nördlich von Helsinki. Dort werden die Gläser geblasen. In dem alten Fabrikgebäude in Helsinki wird Steingut und Porzellan produziert. An der Stirnwand prankt mit großen Lettern der Name der alten Firma, der heute noch eine Marke der Gruppe ist: Arabia, benannt nach dem Viertel, in dem sie ansässig war und ist, dem mutmaßlichen Gründungsviertel der Stadt. Warum dieses Gebiet Arabia heißt, ist strittig. Manche meinen, ein ehemaliger Kapitän, der in dieser Gegend Land erwarb, hätte ihm die Namen der Ziele gegeben, die er früher bereist hatte. Andere sagen, es wurde so genannt, weil es so weit weg von der Stadt liegt.

Es dauert eine knappe Viertelstunde von hier bis in die Stadtmitte Helsinkis. Dort steht die größte Attraktion, nicht nur gemessen an den Besucherzahlen: die Felsenkirche, die auf Finnisch leichtzüngig „temppeliaukion kirkko“ heißt. Sie wurde in einen riesigen Felsen geschlagen. Und das kam so: Die Bewohner des Viertels Töölö sollten eine Kirche bekommen, sie wollten aber nicht, dass der Felsbrocken, der am einzigen infrage kommenden Platz in ihrem Viertel thronte, gesprengt wird. Normalerweise ist das nämlich so in Helsinki. Denn einfach ein Loch buddeln und ein Gebäude errichten, das geht nicht – zuerst müssen Granitbrocken beseitigt werden. Die Stadt ist nicht auf Sand gebaut. Die Brüder Timo und Tuomo Suomalainen kamen auf die Idee, die Kirche in den Felsen zu hauen. Die Wände des 1969 fertiggestellten Gotteshauses bestehen aus dem freigelegten Gestein; die 13 Meter hohe Kuppel, die aus 22 Kilometern Kupferband gewickelt ist, tragen dünne Holzstreben, durch deren Zwischenräume zauberhaft gestreiftes Licht fällt.

Zwei Straßen weiter löst Outi Martikainen gerade ihr Studio auf. „Leider“, sagt sie. Die auf den ersten Blick etwas abweisenden 30er-Jahre-Wohnhäuser machen den spröden Charme des Viertels aus. „Das Haus wird restauriert. Und ist dann nicht mehr bezahlbar.“ Outi hat Textildesign studiert, ihre Arbeiten liegen aber im Grenzbereich zwischen Kunst und Design. Fühlt sie sich als Künstler oder Designer? „Wenn ich bezahlt werde, bin ich Designer, wenn nicht, bin ich Künstler.“ Bezahlt wurde sie für die Fassadengestaltung des Firmensitzes der Mobilfunkfirma Fonecta. Die Front besteht jeweils halbgeschosshoch aus bedruckten Glasplatten. Das ist halb Dekoration, halb Sonnenschutz. Der Entwurf des Hauses stammt von dem Büro Antti-Matti Siikala und SARC Architects, für die Martikainen schon beim finnischen Pavillon der Expo 2000 in Hannover die Fassadengestaltung übernommen hat. Nicht bezahlt wird Outi (jedenfalls bisher) für ihre Objekte aus den Brottütenverschlussklammern, diesen schwer biegsamen Metalldrähten, die in ein Stück versteiften Kunststoff eingelassen sind. Die hat sie zu Hunderten gesammelt, mithilfe von Freunden und Bekannten, und hat daraus Schuhe und ein traditionelles finnisches Jagdhorn gebastelt. Früher wurden solche Objekte aus Birkenrinde hergestellt. Schuhe, Vasen, all solche Sachen. „Das ist die finnische Art“, erzählt Outi. „Wenn man Lösungen sucht, geht man in den Wald.“ Sie schaut sich halt Brottüten genauer an.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund