Finnland Helsinki beflügelt

Kein Theater spielen
Noora Niinikoski und Piia Rinne im Studio in Helsinki

Für jeden Spaß zu haben sind Noora Niinikoski und Piia Rinne. Klaglos stiegen sie fürs Foto in ihrem Studio in eine Duschwanne – ohne sich zum Kasper zu machen.

Piia Rinne und Noora Niinikoski sind gerade erst dabei, sich einen Namen zu machen. In ihrem Atelier fliegen Stofffetzen herum, am Rand steht eine Duschwanne, rund herum schwarz verblendet. Der Vorschlag, sie dort drin zu fotografieren, wie in einem großen Kasperletheater, macht sie nicht stutzig. Wie selbstverständlich klettern die beiden in die Dusche. Nur dem struppigen Mischlingshund von Piias Freund kommt die Aktion befremdlich vor. Aufgeregt reckt er sich immer wieder in die Höhe, um nach dem Rechten zu sehen. Aber Piia (Textildesignerin) und Noora (Modedesignerin) haben schon viel Verrücktes erlebt, sorgen selbst für solches.

Ihre selbst genähten T-Shirts und Kissen zum Beispiel, mit riesigen Comic-Gesichtern drauf, hatten im letzten Jahr großen Erfolg. Sie sind schon beinahe ausverkauft. Mehr wollen sie nicht nähen. Warum, glauben sie, hat Helsinki so ein kreatives Potenzial? Noora muss nicht lange überlegen: „Helsinki beflügelt. Es ist so weit ab vom Schuss, am Rande von Europa, man muss die Augen offen halten. Man hört und liest so viel aus den anderen Metropolen, hält das, was man liest, für noch toller, als es tatsächlich ist. Also fühlt man sich noch mehr angespornt.“ Und entwirft ulkiges Design.

Puppenbild, die Arme
Skulptur von Kim Simonsson

Mysteriöse Gestalten wie dieses durchlöcherte geschwärzte Mädchen brennt Kim Simonsson in der alten Arabia-Fabrik. Das Unternehmen Iittala produziert hier seine Porzellanware.

Alles ist möglich, alles ist erlaubt in Helsinki. Viel falsch machen kann man nicht. Zu den wenigen Fehlern, die man vermeiden sollte, gehört, sich eine Adresse am Telefon buchstabieren zu lassen. Da kann es schon mal vorkommen, dass einem die absurdesten Buchstabenkombinationen um die Ohren gehauen werden (Italienern kann passieren, dass sie keinen davon kennen). J-ä-ä-k-ä –so buchstabiert Kim Simonsson die Adresse, an der er abgeholt werden will (vollständig: Jääkärinkatu). Der 33-jährige Bildhauer macht futuristische, Manga-inspirierte Figuren aus Porzellan, aber auch Notdurft verrichtende Windhunde aus dem edlen Material.

Nicht immer ist die finnische Sprache so kompliziert. Glas heißt zum Beispiel „lasi“. Das in Finnland nicht unwichtige Wort Schnapsglas nennt sich also „snapsilasi“ und der 50er-Jahre-Bau im Zentrum an der wichtigsten Verkehrsader, der Mannerheimintie, heißt Glaspalast, finnisch „lasipalatsi“. Er beherbergt viele Restaurants und viele Bars, in denen ganz viele „snapsilasi“ angeboten werden. Am strategisch wichtigsten Punkt der Stadt, an der Ecke Mannerheimintie und der grünen Flaniermeile Esplanade, befindet sich das schneeweiße „Schwedische Theater“, der einzige Bau Helsinkis, an dem Eero Saarinen mitgewirkt hat. Auf der Rückseite ist der Eingang zu der wohl ange­sagtesten Bar der Stadt: das „Teatteri“ mit den garantiert härtesten Türen. Erst nach mehreren strengen Kontrollen erreicht man die überdachten Terrassen, zu denen nur noch die Allerreichsten, Schönsten und Wichtigsten Zugang haben. Hier feiern die Finnen mit Strömen von Champagner und Wodka mit Cranberrysaft die Nächte durch, die eigentlich keine sind. Denn Nacht wird es im Sommer hier nicht. Jedenfalls nimmt man sie kaum wahr in diesen vorüberhuschenden ein, zwei dunkleren Stunden. Im „Teatteri“ ist bis in den hellen Morgen Rushhour.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund