England Im Süden

Die jüngste Szene der Weltmetropole verdichtet sich im Borough of Hackney, einem ehemaligen Arbeiterviertel, und den angrenzenden Stadtteilen. Hier haben sich Künstler, Designer, Galerien und originelle Hotels und Restaurants angesiedelt und sorgen für einen frischen Kontrapunkt zu der etwas steifen britischen Attitüde. Noch ist es ein Insidertipp. Aber wenn im nächsten Jahr die Olympischen Spiele in Sichtweite stattfinden, wird die ganze Welt auf den bunten Osten schauen.

Noch weiter südwärts Richtung Bethnal Green hat ein japanischer Investor eine verlassene Town-Hall an der Cambrige Heath Road zu einem 5-Sterne-Hotel umgebaut. Von außen hebt sich spektakulär der poröse schillernde Metallüberzug des hinteren Gebäudeteils von der klassizistischen Fassade ab. Zimmer mit gläsernen Wannen und Badabtrennungen, das größte Hotelzimmer Londons mit einem Flügel und mehreren Etagen für Bett, Büro sowie Besucherecke, der noch sehr schön erhaltene Plenarsaal des ehemaligen Rathauses, Bistros, Restaurants, eine gemütliche Bar und in jedem Zimmer auf dem Badewannenrand ein kleines gelbes Quietsche-Entchen sind die Attraktionen im Town Hall Hotel.

Die schönste Strecke führt aber entlang des Regent’s Canal. Ein paar Minuten von der Mare Street Richtung Westen öffnet sich ganz unvermittelt ein kleines Idyll, der Broadway Market. Die pittoreske Straße verbindet den Kanal mit dem Park London Fields. Niedrige Stadthäuschen, fein herausgeputzte Traditionsgeschäfte neben modernen Schaufensterfronten, schicke Pubs, noch schickere Delis, Cafés und auffällige Street-Art bestimmen das Bild. An schönen Tagen fangen ein paar Jungs, auf der Straße sitzend, die letzten Sonnenstrahlen ein, die Modeldichte ist hier an manchen Tagen größer als in der Kings Road im feinen Londoner Westen. Dessen Bewohner machen sich ohnehin jeden Samstag auf, um auf dem kleinen feinen Markt einzukaufen – aber vor allem: um gesehen zu werden.

Hier bietet Hackney eine gelungene Balance zwischen kreativem Aufbruch und etablierter Gemütlichkeit. Wohl dem, der in dieser Gegend ein Dach über dem Kopf findet. Die gebürtige Ham - burgerin Gitta Gschwendtner hat mit ihrem Mann, einem Drehbuchautor, und dem acht Monate alten Sohn Otto sogar eine zauberhafte Doppelhaushälfte mit kleinem Vorgarten und üppigem Grün hinter dem Haus erwerben können. Gschwendtner, seit beinahe 20 Jahren in London, hat natürlich auch am RCA studiert und ist hängen geblieben. Sie hat sich einen Namen gemacht als Ausstellungsarchitektin, zum Beispiel im ehrwürdigen V&A, dem Victoria & Albert Museum. Sie entwirft aber auch Möbel und Objekte, oft an der Grenze zur Kunst, wie das Sofa, auf dem sie sich fotografieren lässt und aus dessen Fußteil gewundene Glasschlangen austreten. „Die Gedärme des Möbels“, interpretiert sie das. Sie hat schon so viel entworfen – Leuchten, Regale, Vasen –, dass sie nahezu das ganze Haus mit Eigenentwürfen ausstatten konnte, kombiniert mit Fundstücken vom Flohmarkt und ein paar Stuhlklassikern, die den Vornamen Eames tragen. Gitta bestätigt den dörflichen Charakter von Hackney: „Hier läuft man sich ständig über den Weg“, erzählt sie. „Zum Glück. Denn es garantiert einen kreativen Austausch. Sonst wäre mir London viel zu anonym.“

Am nächsten Morgen geht es in einem dieser typisch schmalen dreigeschossigen Stadthäuser in Shoreditch, dem Herzen von Hackney, über eine Hühnerleiter aufs Dach. Über die Dachluke wurde ein kleines Gewächshaus gestülpt, in dem Tomaten und Erdbeeren gedeihen. Am Ende der Dachterrasse gibt es einen Platz für Barbecue – Easy Living im East End. In den Stockwerken darunter wird aber auch gearbeitet. Die Agentur YCN in der Rivington Street ist ein Team von Designern, die Logos, Web auftritte und Werbung gestalten. Im Erdgeschoss bieten sie eigenwillige Produkte an, wie den von einem jungen befreundeten Designer entworfenen Bleistift mit eingefrästem Clip. Und in einem Regal stehen Bücher zum Ausleihen. Nicht viel mehr als 500. „Das sind Bücher, die wir während der Arbeit genutzt und schätzen gelernt haben, und ein paar, die Freunde uns empfohlen haben“, verrät Camilla, die den öffentlichen Bereich hier unten managt.

Vom Dach hat man übrigens einen wunderbaren Blick auf eine neue architektonische Attraktion des Viertels, die gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt. Rivington Place ist ein Kulturzentrum für Ausstellungen, für das sich der Londoner Avantgarde-Architekt David Adjaye einen grauen Klotz ausgedacht hat; mit rhythmisch versetzten quadratischen und rechteckigen Fenstern und einer gezackten Krone ausgestattet, die an die alten Schettdächer der hier früher angesiedelten Fabriken erinnert.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Jonas Unger