England Stadtteil Hackney

Die jüngste Szene der Weltmetropole verdichtet sich im Borough of Hackney, einem ehemaligen Arbeiterviertel, und den angrenzenden Stadtteilen. Hier haben sich Künstler, Designer, Galerien und originelle Hotels und Restaurants angesiedelt und sorgen für einen frischen Kontrapunkt zu der etwas steifen britischen Attitüde. Noch ist es ein Insidertipp. Aber wenn im nächsten Jahr die Olympischen Spiele in Sichtweite stattfinden, wird die ganze Welt auf den bunten Osten schauen.

Von Shoreditch aus wurde Hackney kulturell erobert, das Viertel zwischen Old Street Circus und Arnold Circus ist im Vergleich zum wilden Osten schon ziemlich etabliert. Besonders um den schönen, leicht versteckt gelegenen Hoxton Square herum, wo die berühmte White Cube Gallery moderne Kunst anbietet. Und nicht nur die. Schräg gegenüber liegen in den absichtlich unrenovierten Räumen der Galerie IBID projects zertrümmerte Steinplatten. Aber Vorsicht! Nicht den Fehler der Putzfrau wiederholen, die – seit Beuys ein Klassiker – den Dreck zusammengekehrt hat, nicht ahnend, dass sie gerade das Werk des US-Künstlers Amir Mogharabi vernichtet. Der musste noch einmal einfliegen und eine Steinplatte auf dem Boden zerschellen lassen.

Wer sich in dieser Ecke Londons ansiedeln kann, hat es geschafft. Um die Ecke, in der Kingsland Road, hat Designer Jasper Morrison sein Studio und seinen Shop, in der anderen Richtung steigen betuchte London-Besucher im angesagten The Hoxton ab, das sich den Luxus und die PR-Maßnahme leisten kann, ein kleines Kontingent an Zimmern für nur ein Pfund pro Nacht zu vermieten. Allerdings muss man sehr, sehr, sehr lange im Voraus wissen, wann man die Stadt besuchen wird. An der nächsten Ecke hat sich die Designgalerie Fumi einen erstklassigen Ruf erworben. Kein Wunder, sie vertritt die jüngere Generation Kreativer wie Paul Cocksedge, Pieke Bergmans und Max Lamb. Jenseits des Old Street Circus hat der TV-Koch Jamie Oliver ein Ausbildungsrestaurant für Nachwuchsköche eingerichtet. Im Fifteen ist immer lebhafter Betrieb. Und nur eine Straße weiter wurde kürzlich der Show room des dänischen Stoffproduzenten Kvadrat eröffnet, ebenfalls von David Adjaye entworfen, der selbst auch nur ein paar Ecken weiter sein Architekturbüro hat.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Noch immer beherrschen Street-Art, Kioske, zwielichtige Mini-Cab-Vermittlungsbüros und Coffee-to-go-Shops das Bild des Viertels. Dazwischen gibt es aber überall charmante Entdeckungen. Wie die Cycle Lab & Juice Bar, die in der Pitfield Street, einer Seitenstraße der Old Street, leckere, gesunde Obstdrinks anbietet, während den Kunden der Fahrradreifen geflickt wird. Für die aufstrebende Gestaltergeneration ist Shoreditch (noch) ein zu teures Pflaster. Die jungen Designer breiten sich (gezwungenermaßen) in Richtung Norden aus. Dalston, Shacklewell und Stoke Newington heißen die Stadtteile, die man sich für die Zukunft merken sollte. In Dalston und Shacklewell entwickelt sich schon jetzt eine Szene. So szenig, dass man es nicht mal findet, wenn man davorsteht, ist das LN-CC. Das „Late Night Cameleon Cafe“ ist zwar sieben Tage die Woche geöffnet – allerdings „by appointment only“. Man muss erst Charlotte anrufen, die holt die Besucher ab und geleitet sie ins Basement des Concept-Store, der exklusiv junge japanische Modedesigner und alte Bücher und Langspielplatten anbietet. In dem unscheinbaren Lagerhaus in der Shacklewell Lane hat der Bühnenbildner Gary Card mit skurrilen Holztunneln, farbigen Lichtern und Kieswegen eine sonderbare Welt geschaffen, die seit der Eröffnung vor einem knappen Jahr „pro Tag durchschnittlich sieben Kunden“ entdecken, wie PR-Lady Charlotte berichtet. Der eigentliche Umsatz wird mit dem Online-Geschäft gemacht.

Den Laden kannte nicht einmal Finn Magee, obwohl er sein Studio nur fünf Gehminuten entfernt hat. Dort tüftelt der – man ahnt es: auch er RCA-Absolvent – erfolgreich an der endgültigen Verflachung des Designs. Er hat ein Poster entworfen mit dem Foto einer Tischleuchte. Vom Poster führt ein Kabel mit Schalter zu einer Steckdose. Betätigt man den Schalter, spendet das Foto der Leuchte tatsächlich Licht. Sein ebenso produziertes Poster eines Uhrenradios zeigt die reale Zeit an, empfängt aber keine Sender. Das würde sich erst lohnen, wenn Magee sein neuestes Werk vollbracht hat: das Foto eines Lautsprechers, das Töne von sich gibt.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Jonas Unger