Österreich One-Minute-Sculptures

Die österreichische Hauptstadt ist die Schnittstelle zwischen Ost und West. Schon immer existieren Tradition und Avantgarde hier nebeneinander – und inspirieren sich zu kreativen Höchstleistungen und Skurrilitäten. Mit Witz und Lässigkeit mausert sich Wien zur Trendmetropole.
One-Minute-Sculptures

In diesem speziellen Kosmos lässt sich Erwin Wurm zum Beispiel zu seinen One-Minute-Sculptures inspirieren: Menschen auf der Straße in absurden Positionen, mit Buntstiften in den Nasenlöchern und Ohren, zwischen Stirn und Hauswand eine Apfelsine geklemmt, Männer mit Apfelsinen im Ausschnitt, einem Eimer auf dem Kopf, einer Banane im Hosenschlitz, solche Sachen. Klar, die Leute lachen, wenn sie diese Fotos sehen. Aber es ist meist ein Lachen, das im Halse stecken bleibt. Das soll es auch. Es geht um den Aspekt der Hinfälligkeit, der Peinlichkeit, der Lächerlichkeit. „Jeder versucht, sich in der Öffentlichkeit so großartig wie möglich darzustellen“, erklärt der Schöpfer dieser Selbstentblößungsrituale. „Dabei enden wir doch alle lächerlich.“ Das ist eines von Wurms Hauptmotiven. Und er geht auf seine Art mit solchen ernsten Themen um: „Sonst kann Kunst schnell in Pathos ausarten.“ Diese Fotos sind nur ein Teil seiner Arbeiten. Ein vergangener. Erwin Wurm möchte verstärkt sein bildhauerisches Werk in den Fokus rücken: „Das ist neben den One- Minute-Sculptures nicht wirklich wahrgenommen worden.“

Aufgedunsene Autos, dicke Häuser, der nur ein Meter breite, aber 17 Meter lange Nachbau seines Elternhauses, durch das hindurch man sich quetschen muss. Außer Form geratene Menschen, die einen Koffer voller Kleidungsstücke übergezogen haben, der kugelrunde Künstler, der die Welt verschluckt hat. Bei Wurm geht seine Umgebung durch dick und dünn: „Bildhauerei ist Arbeit am Volumen.“ Das meint Erwin Wurms erkenntnistheoretischer Dreisatz. Denn: „Das Zu- und Abnehmen ist Arbeit am Volumen. Also ist Zu- und Abnehmen Bildhauerei.“ Er freut sich über seine gelungene Beweiskette. Überhaupt lacht er gern. „Aber“, gesteht er, „ich würde nicht gern von mir lesen, ich sei ein Witzbold.“ Hiermit schreiben wir’s nicht. Neben dem weltweit bekannten und etablierten Kreativzentrum Wurm sprießen in Wien aber auch allerorten junge avantgardistische Pflänzchen, die der traditionsbehafteten Stadt ein neues Gesicht und frisches Flair geben. Dies zu strukturieren und zu fördern, hat sich die schon erwähnte Neigungsgruppe Design zur Aufgabe gemacht. Tulga Beyerle, Thomas Geisler und Lilli Hollein, Tochter des weltbekannten Wiener Architekten Hans Hollein, sitzen im Prückl. Das ist die Kaffeehaus-Institution mit elegantem 50er-Jahre-Interieur des Architekten Oswald Haerdtl gegenüber vom Museum für Angewandte Kunst und dem angrenzenden Stadtpark. Kennengelernt haben die drei sich während des Studiums auf der „Angewandten“, wie die hiesige Designausbildungsstätte, die Universität für Angewandte Kunst, kurz genannt wird. Ihre Abschlussarbeit: die Konzeption eines Designfestivals für Wien.

Aus dem theoretischen Projekt ist ein reales geworden: die Vienna Design Week. Sie findet in diesem Jahr zwischen dem 1. und 11. Oktober statt, zum vierten Mal bereits. Um es zu einem unverwechselbaren Festival zu machen, hat sich die Neigungsgruppe allerlei Besonderheiten einfallen lassen. Zum Beispiel die Passionswege. „Dazu laden wir hiesige und internationale Designer ein“, erklärt Lilli Hollein, „und bringen sie mit Wiener Produktionsbetrieben für publikumswirksame Kooperationen zusammen.“ Und Thomas Geisler ergänzt: „Designer sind die besten Promotoren.“ „Aber“, setzt Tulga Beyerle diesen Gedanken fort, „viele traditionelle Betriebe ahnen das Potenzial leider nicht.“

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund