Österreich Carte Blanche

Die österreichische Hauptstadt ist die Schnittstelle zwischen Ost und West. Schon immer existieren Tradition und Avantgarde hier nebeneinander – und inspirieren sich zu kreativen Höchstleistungen und Skurrilitäten. Mit Witz und Lässigkeit mausert sich Wien zur Trendmetropole.
Carte Blanche

Während der Vienna Design Week gibt es zahlreiche Design-Talks, offene Werkstätten und die sogenannte „Carte Blanche“, ein freies Projekt, mit dem sich jedes Jahr ein oder zwei Designer vorstellen können. Im vergangenen Jahr nutzte das die Gruppe For Use/Numen für eine spektakuläre Installation: Auf dem entkernten Dachboden eines Mietshauses im 9. Bezirk, gleich um die Ecke von Schuberts Geburtshaus, sah es aus, als hätte ein Rieseninsekt einen fast raumfüllenden Kokon gewebt. Das Gebilde, das sich an den verbliebenen Dachbalken und dem zentralen Kaminabzug mit tentakelartigen Armen festzukrallen schien, war das Ergebnis mehrtägigen unermüdlichen Einsatzes. Aber eben nicht der einer riesigen Kreatur, sondern des Designtrios, das aus einer Kooperative der beiden in Zagreb arbeitenden Kroaten Sven Jonke und Nikola Radeljkovic und dem hier im Haus lebenden Wiener Christoph Katzler besteht. Vier Tage lang haben die drei transparentes Klebeband nach Vorlage einer Computersimulation auf verschlungenen Wegen kreuz und quer durch den Dachboden gewickelt, bis dieses innen begehbare Gebilde fertig war. Eine Mammutshow, die sie kürzlich als Gast auf dem Berliner Designmai erneut zeigen konnten.

Ein Stockwerk tiefer in seinem Studio zeigt Katzler ein weiteres Ungetüm: einen Würfel aus Spionspiegeln, wie bei Polizeiverhören gebräuchlich, und mit Leuchtstäben an den Innenkanten. So spiegelt sich der Lichtwürfel ins Endlose. Das Ganze ist verbunden mit einem sehr großen Blasebalg. Wenn der Luft in den Würfel pumpt, verzerren sich drei der Flächen, die aus Spiegelfolie bestehen, rhythmisch, sodass die Leuchtstäbe psychedelische Muster erzeugen und Gefühle eines Drogenrauschs lostreten. Der seltsame Doppelname des Trios ist ein Zeichen von Unzufriedenheit. „For Use mochten wir nicht mehr leiden. Unter dem Namen Numen machen wir jetzt solche Installationen. Aber eigentlich mag ich den auch nicht mehr“, erklärt Katzler. Da ist wohl mal wieder ein kleines Brainstorming fällig. „Die Sache mit den komischen Wiener Namen“, erzählt Jakob Dunkl, Gründungsarchitekt aus dem Büro Querkraft (natürlich auch ein kleines Wortspiel, kommt von querdenken), „hat schon Tradition. Es begann in den 60er-Jahren in der Architekturszene.“ Die berühmtesten von damals sind Coop Himmelb( l)au. Aber es gibt noch andere ulkige Büronamen: Harri + Sally, Ratanplan (nach dem Hund von „Lucky Luke“), Salz der Erde. Wenn Architekturbüros so heißen, sind sie ziemlich sicher in Wien ansässig.

Doch die Querdenker von Querkraft machen sich nicht nur mit ihrem Namen einen Namen. Das private Kunstmuseum Liaunig in Neuhaus zwischen Graz und Klagenfurt entwarfen sie aus energiekonzeptionellen Gründen so, dass 95 Prozent des Baukörpers unterhalb des Erdniveaus liegen. Die quaderförmige Ausstellungshalle kragt dagegen wie schwebend über einem Abhang hinaus und gibt durch ein großes Panoramafenster den imposanten Blick auf die Landschaft frei. In Wien haben die findigen Jungarchitekten das Römermuseum neu gestaltet. Eine geradlinige, schwarze Treppe durchschneidet die drei Ebenen des Museums, verbindet elegant die extrem schmalen Ebenen und führt zielstrebig ins Herz des Hauses, zu den römischen Ausgrabungen.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund