Typisch Turin Turin und seine Industrie

Höhenrausch
Ehemaligse Fiat-Werk Lingotto

Das Mekka der Automobilarchitektur ist das ehemalige Fiat-Werk Lingotto, auf dessen Dach die Teststrecke noch existiert – mit atemberaubenden Steilkurven.

Die Hauptstadt der Region Piemont ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Sie ist offen für die Zukunft und gibt sich konservativ; sie kann elegant sein, aber auch genauso heruntergekommen. Sie präsentiert sich weltstädtisch und genießt die Entspanntheit der Provinz, sie war sowohl aristokratischer Herrschaftssitz wie proletarische Industriemetropole.

Industrie ist in Turin gleichbedeutend mit Auto und Fiat. 1899 wird die Marke gegründet, die die Stadt im Namen trägt: Fiat ist das Akronym für Fabbrica Italiana Automobili Torino. Aber es ist nicht nur eine Abkürzung, Fiat bedeutet im Lateinischen: Es werde. Und es wurde eine atemberaubende Erfolgsgeschichte für die Stadt und die Fabrik.

Das Auto bestimmt das Turiner Stadtbild. Schnurgerade Alleen, die „corsi“, durchziehen schachbrettartig die Innenstadt. Für flüssigen Verkehr sorgen sie nicht. Aber an den Enden bieten sie grandiose Ausblicke – wahlweise auf die schneebedeckten Alpengipfel oder die „collini“. Das sind die idyllischen Hügelchen auf der stadtabgewandten Seite des Po, der sich träge durch die Stadt windet. Das Zentrum des motorisierten Turins (und damit Italiens) befindet sich in der Südstadt, am Ende der Via Nizza, die links neben dem Hauptbahnhof beginnt und auf direktem Weg aus der Stadt führt. Hier steht eines der weltweit eindrucksvollsten Monumente der Industriearchitektur, die 1923 erbaute Fiatfabrik Lingotto. Auf fünf Etagen wurden bis 1982 Autos produziert. Zum Testen fuhren die Modelle über spiralförmige Rampen auf das Dach des ein Kilometer langen Gebäudes. Dort gibt es einen Rundkurs mit zwei spektakulären Steilkurven an den Stirnseiten.

Heute joggen hier die Gäste aus einem der beiden Le Meridien Hotels, die von Stararchitekt Renzo Piano in Teilen des Lingotto integriert wurden. Der große Baumeister hat auch auf dem Dach seine Spuren hinterlassen: Zuerst setzte er eine gläserne blaue Blase mit angedocktem Hubschrauberlandeplatz darauf. In dem Konferenzsaal „la bolla“ tagten 1995 hohe Staatsgäste während des Nato-Gipfeltreffens. Innerhalb der anderen Steilkurve brachte Piano in einem streng quaderförmigen Aufbau die „Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli“ unter, die große Werke aus der Sammlung des verstorbenen Fiatpatrons ausstellt.

Viele prominente und kreative Italiener stammen aus Turin: Der Sänger Umberto Tozzi gehört dazu, der Schriftsteller Carlo Fruttero, der Turin zum Schauplatz vieler seiner Krimis machte. Die berühmteste Tochter der Stadt ist Carla Bruni, das ehemalige Top-Model, talentierte Sängerin – und seit einiger Zeit First Lady Frankreichs.

Die gute alte Zeit
Giorgetto Giugiaro

Giorgetto Giugiaro, der wohl erfolgreichste Autodesigner aller Zeiten, ist bis heute stolz auf den 1968 für Bizzarrini entworfenen Manta.

Ein anderer großer Name ist ebenfalls mit Fiat verbunden, wenn auch längst nicht nur: Giorgetto Giugiaro. Der Star unter den Karosserie-Gestaltern hat seine Designfabrik Italdesign etwas außerhalb der Stadt gegründet und leitet sie heute mit seinem Sohn Fabrizio. Vater Giugiaro ist gestalterisch verantwortlich für zwei der größten Erfolge der jüngeren Automobilgeschichte: Aus seiner Feder stammen der Fiat Panda (das Original) und der erste VW Golf (nebst den Partnermodellen Passat und Scirocco). Auf dem weitläufigen Firmengelände ist ein Gebäude dem privaten Automuseum vorbehalten. Präsentiert werden die interessantesten der mehr als 200 von ihm entworfenen Modelle. Nahezu alles, was Rang und Namen hat, ist vertreten: Neben Fiat und VW stehen ein Lexus, ein Ferrari, ein Aston Martin, ein Bugatti, ein BMW und auch ein paar koreanische Typen.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Angela Bergling