London Design Festival TREFFPUNKT DER TOP-STARS

Auf geht’s! In rasender Geschwindigkeit in den Londoner Nachthimmel. Der schnellste Aufzug Europas, natürlich voll verglast, befördert die geladenen Gäste in den 39. Stock des neuen, noch nicht offiziell eröffneten „Leadenhall building“. Oben wird beim Dinner und Blick über die funkelnde City die „London Design Medal“ verliehen. Geehrt wird für sein Lebenswerk Pritzker Preisträger Richard Rogers (s. A&W 4/2007), der sozusagen selbst Gastgeber ist. Für den Entwurf des Gebäudes ist sein Büro zuständig, gegenüber steht die Ikone, für die er wohl noch eher den Preis erhält: das legendäre „Lloyd’s building“, eine mit Eingeweiden nach außen gekehrte Hochhaus-Maschine, die Sir Roger in den frühen 80er-Jahren errichtet hat. Wie auch (gemeinsam mit Renzo Piano) das im selben Geist entstandene Centre Pompidou in Paris. Von dort kommen die Hauptpreisträger, erstmals Designer, die keine Engländer und nicht in England tätig sind: Ronan & Erwan Bouroullec. Eine prima Wahl, das können wir von A&W nur bestätigen. Die französischen Gestalterbrüder waren unsere A&W-Designer des Jahres 2013.
 

Richard Rogers

Richard Rogers

Ronan & Erwan Bouroulec

Ronan (rechts) & Erwan Bouroullec

Unter den Gästen alles, was im internationalen (und englischen) Design Rang und Namen hat. Eine kleine Auswahl: Ross Lovegrove (A&W-Designer des Jahres 2001), Ron Arad (A&W-Designer des Jahres 2004), Tom Dixon (A&W-Designer des Jahres 2008), Alfredo Häberli (A&W-Designer des Jahres 2009), El Ultimo Grito (A&W-Mentorpreisträger 2000), Thomas Heatherwick (A&W- Mentorpreisträger 2004) Paul Cocksedge (s. A&W 1/2006), Martino Gamper (s. A&W 2/2014). Kurz: Architektur & Wohnen war mit der Gästeliste überaus vertraut.

Dreh- und Angelpunkt des Festivals, das sich langsam aber sicher aus dem Zusammenschluss vieler kleiner Festival-Initiativen zu einem Gesamt-Event mausert, ist das ehrwürdige Victoria & Albert Museum (V&A) in South Kensington. Dort hatte BMW, erstmals in diesem Rahmen vertreten, gemeinsam mit dem Londoner Erfolgsduo Barber Osgerby eine Installation realisiert, die nicht nur alle bisher bekannten Grenzen sprengte, sondern auch bei den Mitarbeitern des Museums zunächst tiefe Sorgenfalten ins Gesicht trieb. Zwei riesige verspiegelte Flügel wurden unter die Decke des Saales mit den von der Queen gestifteten Raffael-Gemälden gehängt und drehen sich dort um die eigene Achse. Das gibt immer wieder neue Ansichten des ehrwürdigen Raumes, Martin Roth, deutscher Direktor des V&A ist fasziniert „von der Ingenieursleistung“, die meisten Besucher freuen sich staunend – es nimmt dem Saal etwas von seiner Schwere. Was sich angesichts von elf Tonnen Stahl ein bisschen komisch anhört.

BMW/Barber Osgerby

BMW/Barber Osgerby, V&A



Im Haus und Innenhof verteilt sind verschiedene reizvolle Installationen und Designentwürfe, ein Gartenhaus für Modestar Paul Smith eine an drei Seiten geschlossene Blockhütte, die vierte voll verglast. Architektur-Grande Dame Zaha Hadid hat eine durch Zugkraft gebogenes Stahlskulptur in den kleinen Teich gesetzt. Sie soll nach Dubai gehen nach dem Festival. Es lohnt sich immer dieses mit 2,5 Millionen Sammlungsstücken gesegnete Haus zu besuchen, zum Festival besonders, weil man immer wieder besondere Entdeckungen machen kann.

Paul Smith Pavilion

Paul Smith Pavilion

Paul Smith Pavilion

Paul Smith Pavilion



Ein wichtiger Ausstellungsplatz nennt sich Designjunction in der New Oxford Street. Hier tummeln sich auf drei Etagen Firmen und Designer und preisen ihre neuesten Ideen an. Auch Mini, die kleine Tochter von BMW präsentiert sich hier mit einem Projekt, das von der Online-Plattform „Dezeen“ initiiert wurde. „Frontiers“ nennt sich die Kooperation; erforscht werden die Grenzen zur Zukunft. Mit dabei der Londoner Künstler und Designer Dominic Wilcox, der, getragen von der Idee des in Zukunft selbstständig fahrenden Autos, einen Mini entworfen hat, der in der Fahrgastzelle nur noch ein Bett hat. Von außen sieht es so aus, als sei es von Tiffany, aber das ist eher um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Die der Besucher. Der Fahrer soll ruhig schlafen.

Mini von Dominic Wilcox

Mini von Dominic Wilcox



Natürlich ist der Londoner Osten lohnendes Ziel. Im kreativen Hackney (s. A&W 5/2011) gibt es noch immer das Meiste zu entdecken. Von etablierten Marken wie den dänischen Stoff-Produzenten Kvadrat, der neue Strick-Stoffe von Alfredo Häberli (s.o.) präsentiert über diverse kleine Galerien, Shops – und das ziemlich neue, ziemlich angesagte „Ace Hotel“ an der Shoreditch High Street, das man, auch wenn man direkt davor steht, kaum als Hotel identifiziert. Rechts ein Laden, in dem Vinyl-Schallplatten verkauft werden, links ein schicker Florist, das Foyer erinnert an die Lounge einer Szene-Bar. Im Keller ein dunkler Club mit Bühne für Live Musik, im Hotel verteilt Installationen von Martino Gamper mit einer super-bequemen Variante eines Thonet-Stuhls und Bethan Wood, bunter Paradiesvogel der Szene, die phantasievolle Vasen- und Blumen-Arrangements platziert hat.

Der gelungenste Entwurf des Festivals ist allerdings auf dem Trafalgar Square zu entdecken. Dort haben sich vier Designbüros im Auftrag des Privatwohnungs-Vermietportals „Airbnb“ aufgemacht „A Place like Home“ zu entwerfen. Mit dabei große Namen wie Jasper Morrison, dem leider nur so etwas wie eine hübschere Gefängniszelle gelungen ist, aber auch Raw Edges, ein in London ansässiges israelisches (Designer-)Duo. Die haben auf engstem Raum eine Wohnung entworfen – Schlafzimmer, Küche, Bad – deren Räume von verschiebbaren Wänden getrennt sind. Je nachdem, in welchem Raum man sich aufhält, vergrößert man ihn beliebig – und verkleinert die zur Zeit ungenutzten. Küche und Bad teilen sich ein Waschbecken, über das dank einer Aussparung die Wand hin und her geschoben wird, an der Rückwand ist über die gesamte Breite ein Regalbrett installiert, das im Schlafraum (und nach Verschieben auch im Wohnküchenbereich) als Bücherbord dient, in der Küchensektion stehen Ölflaschen und Vorräte, die sich je nach Wandposition auch bis in den Schlafraum erstrecken können; ebenso stehen die danach folgenden Duschutensilien temporär im Küchenbereich – oder Essig und Öl in der Dusche. Das klingt konzeptionell und visionär – und ist es auch. Aber gleichzeitig realistisch und gar nicht so abwegig und schräg, wie man erst meinen möchte. Eigentlich wünscht man sich solche Wohnräume schon für die nächste Zukunft.

Raw Edges: A Place like Home

Raw Edges: A Place like Home

Raw Edges: A Place like Home

Raw Edges: A Place like Home


 

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Autor:
Jan van Rossem