Kreationen der jungen niederländischen Designerin Die Künstlerin und ihr Virus

Die Kreationen der jungen niederländischen Designerin Pieke Bergmans sind spontan, ungebändigt, einnehmend. Kaum möglich, von ihnen nicht infiziert zu werden.

„Eigentlich alles“, sagt Pieke und lacht, um ihre Nervosität zu überspielen. „Das beschichtete Regal kann Feuer fangen, wenn das heiße Glas aufgesetzt wird. Das Glas kann sich anders als gewünscht verformen, und wenn man denkt, alles sei perfekt, im Kühlraum springen.“ In der Halle dampft, zischt und brodelt es, Funken sprühen. Der glühende Klumpen Glas am Ende des eineinhalb Meter langen Blasrohrs sieht aus wie eine Mischung aus Zuckerwatte und kandierter Ananas. Er wird zu einer gewaltigen Blase aufgepustet und noch im zähflüssigen Zustand auf das Brett des goldenen Designregals gedrückt. Die heiße Masse brennt sich durch die Beschichtung ins Holz, läuft träge über den Rand des Brettes und erstarrt dann in einem unentschlossenen Zustand zwischen selbstbewusstem Auftritt und drohendem Absturz: Halb steht die Vase im Regal, halb gibt sie sich der Schwerkraft hin. Pieke applaudiert. Auf die Idee mit den fließenden Vasen ist sie gekommen, als sie den Glasbläsern das erste Mal bei ihrer Arbeit zugesehen hat. „Das war aufregend, aber ich war sehr enttäuscht, als dieses lebendige fließende Glas in so eine langweilige Form gepresst wurde. Es wirkte wie tot.“ Pieke beschloss, ihm neues Leben einzuhauchen.

Sie infizierte die Rohmasse mit Kreativität. Sie war der Virus. Pieke Bergmans streift ihr schulterlanges, kupferrot gefärbtes Haar aus dem Gesicht, in dem die zinnoberrot geschminkten Lippen die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Mund und Frisur setzen sich deutlich vom Rest des Outfits ab: Zu grauen Stiefeln trägt sie ein mausgraues Kittelkleid. Unprätentiös, aber nicht unmodisch. Wie ein Virus sieht sie eigentlich nicht aus. Obwohl: In manchen Situationen scheint sie etwas Koboldhaftes in ihrem Wesen zu haben, und ihr roter Haarschopf forciert Assoziationen zu Phantasiefiguren wie Pumuckl und Karius, dem Kinderbuch-Quälgeist, der gemeinsam mit Baktus die Zähne seines Wirts bearbeitet und verändert. Bei Pieke Bergmans sieht das so aus: An einer alten, abgenutzten Tischplatte klemmt eine alte, abgenutzte Arbeitsleuchte. Ihr Lichtkegel fällt auf den Tisch, aber irgendetwas stimmt nicht. Zu klar sind seine Konturen, auf den zweiten Blick erinnert er auch eher an einen dicken behäbigen Tropfen, der aus dem Lampenschirm platscht und auf der Tischplatte zergeht. Das ist ein äußerst virtuoses Spiel mit eigentlich Unvereinbarem: Pieke Bergmans materialisiert das Immaterielle, den Lichtschein, sie gibt dem Unendlichen eine begrenzte Form.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund