Gestaltung Die Sprache der Mode

Stühle mit heissen Kurven und Wespentaille, hochglänzende Kindermöbel und Sofas mit Schleifenapplikationen. Mit ihren betont femininen Entwürfen schrammt die Slowenin Nika Zupanc haarscharf am Kitsch vorbei - aber mit kühler Berechnung.

Der „5 O’Clock Chair“ wird seit 2010 von dem niederländischen Avantgarde-Unternehmen Moooi produziert. Dessen Gründer und Mitbesitzer, der Designer Marcel Wanders, ist Entdecker und Förderer der jungen Slowenin, seit er 2007 „Maid Chair“ gesehen hat. Ein Stuhl aus den typischen Zupanc-Zutaten: ausladende (weibliche) Rundungen, Hochglanzlack und Spitzenapplikationen an den Rändern. Auch Italiens Avantgarde-Verlegerin Patricia Moroso erkannte das Talent und begann zur gleichen Zeit erste Kooperationen.

„Ich weiß“, räumt die Designerin ein, „es ist riskant, als Frau solche femininen Klischees zu bemühen.“ Für ihre Objekte nutzt sie die Sprache der Mode, spielt mit Tabus, setzt frivole Elemente ein, die man auf den ersten Blick für einfältig und naiv halten mag. Auf den zweiten Blick sollen sie zum Nachdenken anregen. In der Tat ruft die Betrachtung der Objekte heftige ambivalente Ausschläge hervor. Sind sie schön oder kitschig? Edel oder overdone? Frech oder funktional?

Einem Mann würden solche Entwürfe wohl nicht einfallen. „Ich bin eine Frau, und ich will es nicht leugnen“, sagt sie selbstbewusst. Kann sie auch nicht. Selbst auf den zweiten bis dritten Blick geht sie eher als Model denn als Designerin durch. Für die Porträts, die von ihr in der Nationalbibliothek von Ljubljana gemacht werden, bietet sie verschiedene Posen an: provokativ, verführerisch, cool, lasziv – die ganze Palette.

Auch diese Location hatte sie vorgeschlagen. Das Gebäude ist ein Hauptwerk des großen slowenischen Architekten Jože Pleˇcnik, dessen Werke zu den großen Sehenswürdigkeiten Ljubljanas gehören. Überhaupt ist die mit knapp 280 000 Einwohnern für eine europäische Hauptstadt recht übersichtliche Besiedlung äußerst sehensund lebenswert. Trotzdem fühlte sich Nika Zupanc am Anfang ihrer Laufbahn nicht wohl hier. „Es ist nicht hilfreich, wenn du als Designerin erzählst, du kommst aus Ljubljana“, erklärt sie. „Ljubl… was?“, hörte sie dann oft. Aber sie blieb. „Außerdem“, sagt sie, „bin ich besonders kreativ, wenn ich Distanz zur Design-Industrie halten kann, wenn ich mich verstecken kann.“ Und Ljubljana ist ein gutes Versteck. Von Mailand aus gesehen. Wenn das nicht reicht, geht sie in den Wald. Noch ein Vorteil von Ljubljana: „Du bist in fünf Minuten mitten in der Natur.“ Die sie sehr inspiriert. „Vielleicht ist es der Sauerstoff.“

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Manuel Krug