Plastikmüll-Archivar

Stuart Haygarth sitzt in Pullover und Jogginghose in seinem frisch ausgeräumten Studio. Die neuste Installation ist gerade ausgeliefert worden. Hergestellt werden die Sammlerstücke immer noch größtenteils in der Werkstatt im Erdgeschoss seines kleinen Stadthauses im Londoner Szeneviertel Hackney. In der ersten Etage hat er sich ein bis ins letzte dekorative Detail liebevoll ausgestattetes Loft mit einem zentral positionierten Vitra-Sofa von Kollegin Hella Jongerius und hübsch platzierten umfangreichen Sammlungen von diesem und jenem eingerichtet. Mitten im Raum hängt eine riesige Schaukel, die aber mittlerweile von der 16-jährigen Tochter als eher „uncool“ eingeschätzt und ignoriert wird, sich dafür auf Partys bei den Gästen großer Beliebtheit erfreut – mit steigendem Bierkonsum wird es immer schwungvoller. Die Schadensfälle halten sich in Grenzen.

An den großen Erfolg von „Tide“ konnte Stuart Haygarth damals gleich einen zweiten anschließen. Denn er ist mit seinem Hund nicht nur am Strand spazieren gegangen, sondern glücklicherweise am Neujahrsmorgen nach der rauschenden Millenniumsfeier auch am Ufer der Themse. Und dort lagen zwischen sehr vielen Champagnerflaschen noch viel mehr „Party Popper“, wie der Engländer die kleinen Konfettispender nennt. Die werden auf der Insel gern in bunten Plastikfläschchen als Stimmungsmacher verabreicht. Schon klar, die bettelten geradezu darum, von einem passionierten Plastikmüll-Archivar eingesammelt zu werden.

Jedenfalls arrangierte er dieses Jubiläumssortiment ebenfalls zu einem riesigen Lampenschirm, diesmal in Form eines doppelten Kegels, gespiegelt an der Grundfläche. „Ich will es jetzt nicht mit zu viel Bedeutung befrachten“, sinniert Haygarth, „aber dieser Plastikmüll ist für sich allein zwar ziemlich unbedeutend, aber Teil eines geschichtsträchtigen Moments.“ Und er findet, in einer solchen Installation, als Partikel des Lampenschirms, erhielten sie eine gewisse Erhabenheit, die ihren, nun ja, Beitrag zur Geschichte honoriere.

Ansonsten ist Stuart Haygarth sehr zurückhaltend, was die Interpretationen seiner Arbeiten angeht. Vor allem einen häufig geäußerten Gedanken entlarvt er als Missverständnis. „Mit Recycling haben die Objekte und Installationen gar nichts zu tun“, betont Haygarth. Ein wenig erschrocken über die Bestimmtheit seiner Aussage beteuert er, selbstverständlich umweltbewusst zu leben und zu denken, aber eben nicht in seiner Kunst. Da zählen andere Aspekte: Dinge mit eigener Geschichte zu verarbeiten. Wertlose Objekte zu einem wertvollen Gesamtwerk zu vereinen, die Schönheit von Abfall zu entdecken.

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Manuel Krug, Stuart Haygarth