Gläserne Geschöpfe Faszination von Glas und Licht

Glasobjekt Morchel von Susan Liebold

Morchel ist, der Name verrät’s, die glas-geblasene Interpretation eines leckeren Speisepilzes. Die Thüringer Künstlerin Susan Liebold hat das Objekt vor das Fenster ihres Ateliers gehängt.

Schon als Siebenjährige saß Susan Liebold an der Glasbläserlampe. Während andere Kinder mit Glasfigürchen spielten, machte sie sich ihre selber. Mutter und Vater verdienten mit gläsernem Kunsthandwerk ihr Auskommen. Kurz vor Weihnachten war immer viel zu tun. Und Klein-Susan musste mithelfen. Das hat sie nicht abgeschreckt. Im Gegenteil. Nach dem Studium an Burg Giebichenstein, der renommierten Hochschule für Kunst und Design in Halle, Praktika in Murano und zwei Aufenthalten in Coming/New York als „Artist-in-Residence“, ist sie wieder zurückgekehrt.

Wer Susan Liebolds Galerie im alten Gaswerk im Thüringer Wald besucht, das ihr Großvater für die Glasbläser aus der Gegend betrieb, wird in einen stockfinsteren Raum geführt. Erst wenn das Infrarotlicht eingeschaltet wird, eröffnet sich eine Wunderkammer. Da taucht an einer Wand ein Relief aus Hunderten grünen Leuchtpünktchen auf, die frei zu schweben scheinen. Die bizarre Installation „Lau.a.meo“ mit transparenter, gläserner Struktur ist inspiriert von „Lebewesen in der Tiefsee, die nur in der Gruppe überlebensfähig sind. Die haben mich fasziniert“, erklärt die Künstlerin. In die lichtlose Tiefe taucht Susan Liebold auch mit der Kreation „O.zea“ ab, bei der sie medusenähnlichen Geschöpfen eine Glasgestalt gibt. Oder sie fügt ein fragiles Netz aus transparentem Glas zu einer geschlossenen Kugel zusammen. Röhrenförmige Fortsätze stülpen sich heraus und leuchten in der Dunkelheit. Glas und Licht – das eine verändert das andere. Setzt es in Szene. Für das Leuchten ist Ronny zuständig, der Mann an Susan Liebolds Seite. Eigentlich Konzerttrompeter. Jetzt spielt er mit Licht.

Eine Etage höher, dort wo sich die Künstlerin mit ihrem Mann das Gaswerk ihres Großvaters zum Lebensraum erweitert hat, liegt auf dem Schreibtisch der Band „Kunstformen aus dem Meer“: 1862 erschien erstmals Ernst Haeckels Atlas der Radiolarien, in dem er bis dahin unbekannte Strahlentierchen auf Farbtafeln darstellte, en détail gezeichnet und lithografiert. „Ich übernehme nichts konkret, aber die ganze Stimmung, das Szenario, davon träume ich manchmal“, erzählt Liebold. „Daraus entstehen dann abgewandelt meine Werke.“ Sie baut sie nach aus flüssigem Glas, verändert sie, fügt sie zu neuen Formen zusammen. „Ich wollte immer große Arbeiten machen“, gesteht die Künstlerin, „aber seltsamerweise habe ich mich mit den kleinsten Sachen beschäftigt.“ Mit halben aber nie.

Seite 2 : Faszination von Glas und Licht
Autor:
Brigitte Jurczyk
Fotograf:
Marcel Köhler