Ästhetik und Wiedergeburt Die Lebensgeschichte von Carl Auböck

Der Wiener Carl Auböck wird plötzlich als Design-Held mit gehobenem Kultstatus gefeiert. Weil er den funktionalen Stil der 50er-Jahre mit einer Dimension von spiritueller Tiefe versah.

Antworten formulierte der gelernte Bronzearbeiter zunächst im Medium der Malerei. Vor allem sein Lehrer Johannes Itten und die am Bauhaus lehrenden Maler Paul Klee und Oskar Schlemmer hatten ihn mit ihren Studien zu Kontrast und Harmonie, zu Rhythmus, Kalligrafie und abstrakter Komposition angeregt. Der junge Auböck nahm Anstöße ernst. Studierte das Verhältnis von Farben und Formen, kontrastierte Materialien und Texturen, baute Skulpturen und kehrte zur Malerei zurück, um mit Paul Klees Vorgaben zu Ornament und Metapher zu experimentieren und wie dieser Welten von metaphysischer Tiefe auszuloten.

Hätte er nicht 1926 die elterliche Werkstatt für Bronzeguss übernehmen müssen, wäre Carl Auböck vielleicht ein vom Surrealismus begeisterter, zur Abstraktion tendierender Maler geworden. Johannes Itten jedenfalls, der aus der Schweiz stammende Farbtheoretiker und Leiter des Grundkurses am Bauhaus, nannte ihn den „Begabtesten meiner Schüler mit den meisten Ideen“.

Heute, gut 80 Jahre später, feiert die „New York Times“ den schon 1957 gestorbenen Entwerfer als einen „fullblown cult hero“, kurz: als einen Helden mit Kultstatus. Nach dem Krieg hatte Carl Auböck seine Objekte auf den Werkbundausstellungen in Wien, in Zürich und New York gezeigt und war 1954 bei der Design-Triennale in Mailand mit vier Goldmedaillen ausgezeichnet worden. Er hatte sich mit den Trends des Industriedesigns und des biomorphen Stils auseinandergesetzt und deren Ideen in den eigenen Versuchen aus der Zeit am Bauhaus und danach wiedergefunden.

Er hatte sich emanzipiert – zunächst von der Vorstellung, als Leiter eines handwerklichen Betriebs den Moden folgen zu müssen, anstatt sie zu prägen, dann auch bald von den tonangebenden Wiener Werkstätten und den eleganten Linien ihres wichtigen Gestalters Josef Hoffmann. Als sein alter Lehrer Johannes Itten 1953 an die neu gegründete Ulmer Hochschule für Gestaltung ging, um dort an die Arbeit des Bauhauses anzuknüpfen, sah auch Carl Auböck den Anlass, die Idee einer rein funktional begründeten Sachlichkeit noch einmal zu prüfen. Doch er hatte sich längst weiterentwickelt.

Zu wenig, meinte Auböck. Zu spät. Die Bedürfnisse haben sich geändert, sie folgen einem neuen Stand der Erkenntnis. Fortschritt und Spiritualität schließen einander nicht mehr aus, im Gegenteil: Sie bedingen einander. Die Dinge sind Ausdruck des Geistes. Ein Tisch dokumentiert Respekt vor der Natur, eine Lampe demonstriert das Bedürfnis nach Bewegung. Der Familienbetrieb arbeitet heute in fünfter Generation, und alle Nachfahren heißen Carl.

Seite 2 : Die Lebensgeschichte von Carl Auböck
Autor:
Martin Tschechne