Designgeschichte Die ästhetische Instanz

Sie sind das berühmteste Paar der Designgeschichte: Ray und Charles Eames verkörperten den amerikanischen Traum. Der große, gut aussehende Charles und die kleine Ray an seiner Seite. Aber auch in seinem Schatten. Vor Kurzem hätte Ray Eames ihren hundertsten Geburtstag gefeiert. Anlass, ihre Rolle neu zu bewerten.

 

Nach dem ersten Treffen ist sofort klar: Die beiden gehören zueinander. Der attraktive Architekt, der am Anfang einer großen Karriere steht, und die zierliche, 1912 in Sacramento, Kalifornien, geborene Ray Kaiser, die mit 19 Jahren ihre Heimatstadt verlassen hatte, um in New York Malerei in der Klasse des aus Deutschland emigrierten Hans Hofmann zu studieren. Charles lässt sich in Windeseile scheiden, heiratet kaum zehn Monate später Ray und zieht mit ihr nach Los Angeles. Dort fassen sie schnell Fuß. Charles und Ray erforschen die Grenzen der Verformung von Schichtholz und verkaufen dem Militär als ersten kommerziellen Erfolg dieser Experimente Beinschienen für während des Zweiten Weltkriegs verwundete Soldaten. Ray illustriert nebenher Titelbilder der angesagten Zeitschrift „Arts & Architecture“ und gestaltet das Türschild für ihren Nachbarn, einen gewissen Billy Wilder.

Die Aufgaben sind präzise verteilt im Hause Eames. Noch klarer im Studio Eames. Er ist der Problemlöser, sie die ästhetische Instanz. Er entwickelt als Ingenieur skulpturale Objekte, sie kommt von der Kunst zur Konstruktion. Und sie treffen sich meistens in der Mitte. Beispielhaft zeigt sich diese im Ansatz ungleiche und doch äußerst produktive Zusammenarbeit an der „Molded Plywood Sculpture“, die 1943 im Rahmen der Versuche rund um die medizinischen Beinschienen entstand. Sie ist gleichzeitig ein technologisches Experiment und ein Kunstwerk, je nach Betrachtungsweise. Keine Frage, wer bei den Eames für was stand.

 

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Courtesy Eames Office LLC