Designgeschichte Blick fürs Detail

Sie sind das berühmteste Paar der Designgeschichte: Ray und Charles Eames verkörperten den amerikanischen Traum. Der große, gut aussehende Charles und die kleine Ray an seiner Seite. Aber auch in seinem Schatten. Vor Kurzem hätte Ray Eames ihren hundertsten Geburtstag gefeiert. Anlass, ihre Rolle neu zu bewerten.

 

Das Eames-Studio glich eher einem Forschungslabor als einem Designbüro. Erkundet wurden Möglichkeiten. Ray war das Auge des Ateliers. Die künstlerische Ratgeberin. Die Formvollenderin. Mit dem Blick für Details. Charles wollte die Dinge besser machen – für jedermann. Sie wollte sie obendrein schöner machen. Beides ergänzte sich und war das Geheimnis ihres Erfolges.

„Charles hatte Ray nicht nur geheiratet. Er hatte sie gleichzeitig auch engagiert“, analysiert der Enkel, was weder ironisch noch abwertend gemeint ist. Ihre eigenen künstlerischen Ambitionen hat Ray, frustriert über die Limitierung ihrer Malerei, bald begraben – zu sehr erinnerten ihre Arbeiten sie selbst an die Werke Joan Mirós. Aber ganz aufgegeben hat sie die Malerei nie. Sie hat sie nur in die Dreidimensionalität übertragen. Ein Ergebnis dieser Transformation ist die berühmte Chaiselongue „La Chaise“, deren Entwurf von Experten zumindest weitgehend unisono ihr zugeschrieben wird. Und es ist ein sehr frühes Ergebnis: Das skulpturale, wolkenartige Sitzgebilde, das auf einer Skulptur von Gaston Lachaise basiert, wurde als Prototyp bereits bei dem Wettbewerb im MoMA gezeigt, ein Jahr nachdem sich das Paar kennengelernt hat. Als Möbel produziert wird es erst seit 1980.

Selbst im Dreidimensionalen wird Ray allerdings bisweilen von Vorbildern eingeholt. Das „Case Study House“, das die beiden in gewohnter Arbeitsteilung und in kürzester Zeit in Pacific Palisades, einem schicken Stadtteil von Los Angeles, errichten (er ist für die Konstruktion zuständig, sie für Farbgebung und Styling), erinnert sehr an Werke von Piet Mondrian.

 

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Courtesy Eames Office LLC