Antiquitäten Definition des Originals

Auf Schinkels Fährte: Die Kunst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte eine Blüte. Der Hamburger Händler Frank C. Möller spürt Möbel nach Plänen großer Architekten auf und sagt, was Schinkel, Gilly & Co. lohnend für Entdeckungen macht.

A&W: Schinkel war Architekt am königlichen Hof in Berlin, berühmt geworden durch Bauten wie die Neue Wache, das Schauspielhaus oder das Alte Museum – wie definiert sich da bei seinen Möbeln oder Leuchtern ein Original? Möller: Er hat sie entworfen. Das sagt sich so leicht, aber dieser Karl Friedrich Schinkel war ein ganz Großer. Einerseits war er ausgelastet mit Bauprojekten etwa für Friedrich Wilhelm III., andererseits ungeheuer ehrgeizig in Fragen von Klarheit und Harmonie. Sein Lehrer war Friedrich Gilly, der mit nur 28 Jahren starb. Ich habe einige Stücke von ihm identifizieren können. Halten Sie mich nicht für pathetisch, aber Gilly war eine Lichtgestalt. Und ist noch zu entdecken.

A&W: Und Schinkel trat in seine Fußstapfen. Möller: Er war 18, als er die Projekte seines Lehrers übernahm und daraus den Stil entwickelte, der bis heute die Blüte der preußischen Kultur verkörpert, den Klassizismus, die frühe Romantik. Er hat selbst bekannt, er lebe das Leben fort, das Gilly verloren hatte. Auch Schinkel verehrte das kluge Maß und die Proportionen der klassischen Antike. Aber er fand immer den Bezug zur jeweiligen Aufgabe, zur Funktion des Bauwerks oder dem Wesen des Auftraggebers.

A&W: Wie aber geben sich ein Auftraggeber und seine Gegenwart zu erkennen in einem Stück Kunsthandwerk, das sich auf die klassische Antike bezieht? Möller: Gehen Sie mal durch Schloss Tegel, dessen Umbau Wilhelm von Humboldt in Auftrag gab. Dann vergleichen Sie es mit Schloss Charlottenhof im Park von Sanssouci, in dem Schinkel Ideen des Thronfolgers Friedrich Wilhelm IV. eine Form gab. Da lernen Sie den Mann kennen: kompromisslos in der Idee, und trotzdem ein Maßschneider.

A&W: Heute ist ein gusseiserner Gartenstuhl nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel für 646 Euro plus Mehrwertsteuer zu haben. Möller: Jetzt machen Sie aber Witze! Das ist doch, als würden Sie ein Gemälde von Max Beckmann fotografieren und behaupten, es sei ein Original.

A&W: Der Vergleich hinkt. Beckmann hat seine Bilder selbst gemalt, Schinkel seine Möbel und Bronzearbeiten aber nur entworfen. Möller: Nein! Er verantwortet die Umsetzung. Wie ein Dirigent. Ein Kunstwerk ist in seiner Zeit verwurzelt, weil die Idee des Erfinders darin zum Ausdruck kommt. Sie gibt dem Werk seine Aura. Ich glaube ganz fest daran. Die Idee einer 200 Jahre später gefertigten Kopie dagegen ist banal. Danke, daran habe ich kein Interesse.

 

Seite 2 : Definition des Originals
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Thomas Elmenhorst