Antiquitäten Das große Staunen

Der Münchner Kunsthändler Georg Laue ist auf Objekte der Kunst- und Wunderkammern spezialisiert: Trophäen, mit denen sich Renaissance-Fürsten die Welt erklärten.

Tiroler Kabinett und Ananaspokal

Vor und in den Beton-Vitrinen in Georg Laues Münchner Räumen entfalten Kunstkammerobjekte ihren Zauber. Auf dem Tisch ein Tiroler Kabinett und ein silberner Ananaspokal, beide um 1600.

A&W: Zum Staunen über die Welt kommt in der Wunderkammer das Staunen über die Fertigkeiten der Künstler. Wie konnten sie spröden Bergkristall zu Gefäßen formen, die aussehen, als bestünden sie aus hauchzartem Glas, oder Achat so dünn schleifen, dass ein Pokal mit durchscheinenden Wänden entsteht? Laue: Ganz recht, darum ging es ihnen allen, den Künstlern wie auch ihren Auftraggebern, also etwa den dänischen Königen, dem habsburgischen Kaiser Rudolf II. oder August dem Starken in Dresden: Sie wollten den Wundern der Welt das Wunder der Kunst hinzufügen. Sie wollten dem Reichtum der Natur huldigen, ihn zugleich in Besitz nehmen und in ihre höfischen Sammlungen integrieren. Also ließen sie die schneckenförmige Schale des Nautilus von ihren Goldschmieden zu prunkvollen Pokalen fassen, den Korallenbaum auf ein kunstvoll gearbeitetes Postament montieren oder Stoßzähne von Elefanten zu unfassbar filigranen Formen schnitzen.

A&W: Huldigung und Demut gegenüber der Schöpfung sind edle Motive, aber das Ansehen vor der Welt spielte dabei auch eine Rolle. Laue: Ganz sicher! Die Fürsten lagen in scharfem Wettstreit. Die Dinge, die sie sammelten, waren nun einmal Symbole für das Neue ihrer Epoche, für ferne Länder und neue Erkenntnis. Nebenbei auch für wirtschaftliche Potenz und bestens funktionierende Handelsbeziehungen. Es lässt sich leicht vorstellen, mit welchem Stolz so ein Fürst seine Kunst- und Wunderkammer betrat und hohen Gästen beispielsweise einen der extrem seltenen Samen der Seychellenpalme, eine sogenannte Coco de Mer präsentierte! Weil das Stück so kostbar geschnitzt und gefasst war, bewies er damit neben seinem Weltwissen gleichzeitig seinen Kunstsinn und die Fähigkeit, die besten Künstler und Gelehrten für sich gewinnen zu können. Die waren damals sehr umworben.

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Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Bärbel Miebach