Überraschend Bürgerliches Porzellan

Die Zeiten sind vorbei, als mit Vasen Weltpolitik gemacht wurde. Trotzdem ist Porzellan auch heute ein nobler Luxus – und mitunter überraschend günstig. Der Berliner Kunsthändler Ulrich Gronert verrät, warum das so ist.

Biber von Max Esser

Der weiße Biber von 1939 ist eine der wenigen Plastiken des Tierbildhauers Max Esser für KPM. Berühmt sind seine zahlreichen Figuren für die Manufaktur Meissen. Esser suchte sich die Vorbilder für seine Arbeiten in den Berliner und Dresdner Zoos.

A&W: Später ist die Faszination für das Material an sich geschwunden. Porzellan wurde Träger aufwendiger Bildwerke. Gronert: Das geschah zur Zeit des Klassizismus. Damals diente Porzellan der Repräsentation. Man fertigte voluminöse Vasen und feingliedrige Figuren, Schauteller und Tafelgeschirre. Diese Kunst hatte eine politische Dimension, oft war zu Zeiten Friedrichs II. der König selbst der einzige Abnehmer seiner Manufaktur. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon aber kam das vaterländische Porzellan auf, also Porzellan, auf das Ansichten von Sanssouci oder Schloss Charlottenburg gemalt wurden. Für die Manufaktur gab das einen Aufschwung.

A&W: Porzellan wurde bürgerlich? Gronert: Langsam. Aber die Produktion wurde gesteigert. Viele Formen kamen in weniger prunkvollem Dekor oder als Weißware in die Häuser des niedrigeren Adels oder in bürgerliche Haushalte. Viele werden bis heute produziert. So entstand eine Tradition: Bei uns in Berlin hat jeder, der auf sich hält, das 1790 entworfene Service „Kurland“ mit der hängenden Borte. Oder das feine „Urania“. Oder „Arkadia“ mit dem Medaillon: Das ist ein sehr, sehr schönes Service.

A&W: Diese beiden wurden aber erst 1938 von Trude Petri und Siegmund Schütz entworfen … Gronert: … und sind doch durch und durch KPM, klassizistisch geprägt und elegant. Von Trude Petri stammt auch der Entwurf zu dem Service „Urbino“ von 1931. Das ist ein moderner Klassiker, so klar und so klassisch wie das Bauhaus in seinen besten Momenten. Und erst das Mokka-Service dazu in seinen intensiven Farben, in dunkel leuchtendem Ziegelrot oder in Gold, in Beige und in Schwarz mit farbigen Faltern drauf! Für mich ist das ein Jahrhundert-Entwurf.

Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs