Himmlische Aussichten Im Atelier von Künstler Tomás Saraceno

Netze, Strukturen, Utopien: ein Atelierbesuch in Berlin bei dem argentinischen Künstler Tomás Saraceno, der mit seinen irritierenden Installationen die Auffassung von Raum und Zeit sprengt.

Vier Klingelschilder an einer ehemaligen Speditionshalle auf dem weitläufigen Gelände hinter dem Hamburger Bahnhof tragen nur prominente Künstlernamen: Thomas Demand, Tacita Dean, Henrik Håkansson und – Tomás Saraceno. Der 1973 geborene Argentinier Tomás Saraceno ist erst seit sechs Monaten hier, und er wird auch nicht mehr lange bleiben. Im Sommer zieht er in neue Räume nach Berlin-Lichtenberg. Doch noch arbeitet er hier mit einem knappen Dutzend Assistenten an aktuellen Projekten. Dazu gehörte bis vor Kurzem der große Flugdrachen mit guten dreizehn Metern Spannweite für die Skulpturen-Triennale Emscherkunst 2013. Im Atelier steht der Prototyp, ein schwarzes Gestell, bedeckt mit dreieckigen Segmenten aus Solarfolie. Das fertige Flugobjekt trägt Mikrofone, die die Geräusche des Windes auffangen. „Der Sound der Vibrationen gibt die Musik“, sagt Tomás Saraceno. Weitere Details verrät er nicht, die sollen Besucher der Emscherkunst selbst herausfinden.

Installation Airport City von Tomás Saraceno

Ein fliegender Garten aus 60 Luftkissen, elastischen Seilen und Tillandsien; Airport City 2006.

 

Angetrieben wird Tomás Saraceno von einer unbändigen Sehnsucht nach realisierbaren Utopien, die unser Leben in der nahen Zukunft nicht nur ökologischer und sozialer, sondern gleichzeitig auch ästhetischer und aufregender machen sollen. Eines seiner Vorbilder ist der für seine organischen Bauten bekannte Architekt Frei Otto, der die Struktur des Münchner Olympiastadions entwarf. Saraceno hat im Anschluss an ein Architektur- und Kunststudium in Buenos Aires sein Faible für derartige Strukturen, Raster und Konzepte bei Thomas Bayrle, seinem Lehrer an der Frankfurter Städelschule, noch weiter vertieft.

Eine Labor mit Spinnen

Im Untergeschoss seines Ateliers hat Tomás Saraceno eine Art Labor eingerichtet. Seit einigen Jahren arbeitet er mit Spinnennetzen. Er hat eine Sammlung von Webspinnen aus aller Welt zusammengetragen. Ein besonders großes Exemplar aus Nepal streichelt er mit der Hand. Es gibt solitäre, semisoziale und soziale Spinnen, wie er erklärt. In Versuchsanordnungen setzt Saraceno einige Exemplare in rechteckige Metallkuben, mit und ohne Glasscheiben.

Seine Spinnen erarbeiten locker ihre Netze, Saracenos Assistenten füttern sie mit Beuteinsekten. Was interessiert ihn an den Spinnen? „Es sind nicht die Tiere an sich“, stellt er klar. „Ich liebe ihre Netze. Sie erinnern mich an Architekturen und Skulpturen.“ Saraceno lässt verschiedene Spinnenarten aufeinandertreffen und beobachtet, wie immer wieder neue Netzstrukturen entstehen. Die Gewebe sehen mitunter wie hypermoderne Stadtlandschaften aus. Daran erkennt der Künstler, übrigens in Übereinstimmung mit Spinnenforschern aus der ganzen Welt, die bereits auf seine Experimente aufmerksam geworden sind, soziale Strukturen. „Manche Formen erinnern mich zum Beispiel an den Aufbau eines Kibbuz. Wir versuchen hier, Grundregeln zu verstehen und wie etwas gemacht ist.“ Er präsentiert die Netze dann als Kunstobjekte in blank geputzten Vitrinen, wie zuletzt in der Galerie Esther Schipper in Berlin, wo sie, dezent beleuchtet von präzise gesetzten Spots, in abgedunkelten Räumen zu sehen waren. Die feinen Gespinste der Netze wirken dann wie poetische dreidimensionale Zeichnungen im Raum.

Hinter den Spinnen-Vitrinen im Atelier steht das Modell einer großen begehbaren Installation, die Tomás Saraceno für die Kuppel des K21 in Düsseldorf entwickelt hat. Eine Netzstruktur mit eingebauten ballonartigen Körpern aus Polyurethan. Der Besucher darf diese futuristische Landschaft betreten, sich hineinlegen und dort träumen. Saraceno schwärmt von dem Eintauchen in dieses künstliche Environment: „Das ist, als würde man auf Wolken gehen.“

Weitere Infos auf emscherkunst.de

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Autor:
Heiko Klaas, Nicole Büsing
Fotograf:
A&W