Schrankkoffer-Kabinett eines Marketeriekünstlers Die Datierung

Mit der Säge zeichnete ein Augsburger Marketeriekünstler das Labyrinth aus Bögen, Säulen und Erkern. Sein Malgrund: ein 50-teiliges Tischkabinett. Auf der Auktion bei Christie’s lieferte es die Sensation der Saison.
Die Datierung

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Tischkabinett im Detail.

In diesem Fall eine für Kenner leichte Übung. Bei der Datierung half ein Vergleichsobjekt: Der berühmte Wrangelschrank von 1566 im Landesmuseum Münster. Schnell war klar, dass wie jener auch das neu entdeckte Tischkabinett aus Augsburg stammt, im 16. Jahrhundert einer der wichtigsten Wirtschaftsplätze der Welt – hier handelten die Fugger – und eine Hochburg der Möbelproduktion. Spezialität: Marketerien. Das sind aus verschiedenen Furnieren ausgesägte und dann zusammengesetzte Ornamente und Szenen. Augsburg war führend in der Technik, zum einen weil Handwerker Zugriff auf viele, auch exotische Hölzer hatten, zum anderen weil hier Sägen erfunden wurden, die passgenauestes Arbeiten ermöglichten.

Die Versteigerung

Am 5. November 2009, um 15 Uhr wurde das blonde Möbel in London zur Versteigerung aufgerufen. Das Bietgefecht dauerte zehn Minuten. Sein Ergebnis übertraf die Erwartungen um das Zehnfache: 1,13 Millionen statt der geschätzten 100 000 Euro zahlte zur Überraschung der Auktionatoren kein Museum, sondern die Galerie Neuse, eine Antiquitätenhandlung aus Bremen. Gibt es denn Privatinteressenten für solche Schatzstücke? Der Zirkel von Sammlern erstrangiger Kunstgewerbeobjekte ist klein, „wächst aber ständig“, weiß Marcus Rädecke.

Die Kenner

Diese Kenner sind „so genau informiert, dass ich scharf aufpassen muss, was ich sage“. Manche sind Mediziner, andere Besitzer technischer Fabriken. Sie haben „ihr Geld nicht frisch gemacht“ und kein Interesse an „money on the wall“, wie spitzzüngig manches Erzeugnis zeitgenössischer Kunst genannt wird. Die Objekte, die sie kaufen, taugen zwar nicht zum Partygespräch, werden aber gern gezeigt – auch als Kontrast zu minimalistischem Interieur, so Rädecke: „Es wird modern, den Flair einer Rothschild-Sammlung zu erzeugen.“

Seite 2 : Die Datierung
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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Christie’s