Architektur Bauen in der Landschaft

Neue Sehenswürdigkeiten: Südtirols Architekten lassen aufhorchen. Mit kreativem Elan und viel Gefühl für den Bezug zur Landschaft schufen sie Bauten, die manchen Umweg wert sind.

Die größte Gefahr für diesen das Auge verwöhnenden Landstrich sind nicht aus dem Rahmen fallende Neubauten, es ist die hier all enthalben fortschreitende Zersiedlung. Strikte Bauvorschriften sollen Schlimmeres verhindern. Beim Bauen draußen in der Landschaft wird Zurückhaltung zur Tugend. Diszipliniert arrangieren sich junge Architekten mit der Topografie, tauchen ab, verstecken selbstlos Bauvolumen unter der Erde. So bei der Feuerwache in Margreid von Gerd Bergmeister. Die Hallen wurden als große Kavernen in den Berg gebohrt, vor der Felswand steht nur eine Fassade mit Glassegmenten und einer riesigen Schrägplatte – aus Fels.

Der Architekt Arnold Gapp schickt die Besucher des Messner Mountain Museums Ortles in Sulden am Fuße des Ortler unter Tage. Draußen sieht man nur eine Bruchsteinmauer mit seitlicher Öffnung vor einem grünen Hügel, den ein Dachfenster in der rissigen Form einer Gletscherspalte durchschneidet – drinnen erlebt man kühle Gletscheratmosphäre in glattem Sichtbeton. Auch der Musikpavillon in Weißenbach von Stifter + Bachmann, der wie ein abgestürzter, später ausgehöhlter Felsblock wirken soll, schiebt sich mit drei Seiten leicht in den Hang und hat obendrein ein begrüntes Dach, das ihn in den Bergwiesen verschwinden lässt. Die Umsicht und Behutsamkeit, mit der hier gebaut wird, ist der sympathischste Wesenszug dieser neuen Südtiroler Architektur – die damit zum Vorreiter für umweltbewusstes Bauen in Italien geworden ist.

Die spezifischen Bauaufgaben in Südtirol, wo rund 500 000 Einheimische in guten Jahren bis zu 5,7 Millionen Feriengäste empfangen, sind allesamt tourismusdienlich: Landhotels, Thermalbäder und Weinkellereien. In der Kategorie Hotel hat der Mailänder Matteo Thun, in Bozen geboren und als Designer international berühmt geworden, neue Maßstäbe gesetzt. Sein Vigilius Mountain Resort oberhalb von Lana und seine Pergola Residence in Algund sind mit ihrem harmonischen Landschaftsbezug und ihrer nachhaltigen Bauweise Paradebeispiele für einen sanften (und gehobenen) Tourismus. Für die Weingüter gehört Architektur zum Marketing: Kellerei- Neubauten sollen von sich reden machen und Gäste anziehen. Unter den jüngeren fällt das originelle Weingut Manincor von Walter Angonese, Rainer Köberl und Silvia Boday auf, das in erhöhter Lage über dem Kalterer See grottenartig in den Hang gehöhlt ist, aus dem, von fern betrachtet, nur einige skulpturale Bauteile hervor ragen. Der jüngste spektakuläre Kellerei neubau, nicht weit entfernt, ist frecher: Beim Umbau der Kellerei Tramin ergänzte Werner Tscholl den vorhandenen Bau beidseits mit gläsernen Flügeln, die Besucher wie ausgebreitete Arme empfangen und deren grünes Rahmenwerk den Weinreben ringsum nachgebildet ist. Das fällt auf, zitiert Natur und wirkt einladend. Ein listiger Versuch, alle drei Südtiroler Instanzen glücklich zu machen: die Weinvermarkter, die Landschaftshüter und die Besucher, die gern einen Schoppen schlürfen.

KONTAKTE

Bergmeister Wolf www.bergmeisterwolf.it
Silvia Boday www.silviaboday.com
Arnold Gapp www.archgapp.it
Höller & Klotzner www.hoeller-klotzner.com
Mutschlechner & Mahlknecht www.em2.bz.it
Stifter + Bachmann www.stifter-bachmann.com
Werner Tscholl www.werner-tscholl.com

Seite 2 : Bauen in der Landschaft
Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Jürgen Eheim, Richard Becker, Rickard Kust