
Milan Design Week 2026: AW-Chefredakteurin Karen Hartwig kürt ihre 6 Highlights
Die Mailänder Design Week zählt zu den bedeutendsten Terminen im internationalen Kalender. Einmal im Jahr wird die Stadt für eine Woche zur vielschichtigen Plattform für neue Ideen, Konzepte und Inszenierungen an der Schnittstelle von Design, Architektur und Kunst. Karen Hartwig, Chefredakteurin von AW Architektur & Wohnen, hat die Inszenierungen neben der eigentlichen Messe, dem Salone del Mobile, besucht und aus der Fülle an Präsentationen ihre persönliche Auswahl getroffen.Sechs Projekte sind ihr dabei besonders aufgefallen. Es sind Positionen, die durch ihre Herangehensweise und Qualität in diesem Jahr maßgeblich herausragen.
1. Gucci

Die Ausstellung „Gucci Memoria“ im historischen Klosterkomplex Chiostri di San
Simpliciano hat mich wirklich beeindruckt. Sie erzählte die 105-jährige Geschichte des
Modehauses durch eine Reihe immersiver Installationen, die unter der kreativen Leitung von Demna Gvasalia entstanden sind. Besonders spannend fand ich, wie dabei kulturelle Einflüsse von der italienischen Renaissance bis hin zur aktuellen Primavera-Kollektion miteinander verwoben wurden. In den Kreuzgängen des Klosters begegnete ich großformatigen Wandteppichen und botanischen Räumen, die das textile Erbe der Marke aufgriffen. Ergänzt wurde das Ganze durch Automaten der integrierten Gucci Giardino Bar, was dem Erlebnis noch eine unerwartete, fast spielerische Ebene gegeben hat.
Was dieses Projekt für mich zu einem echten Highlight gemacht hat, war die Verbindung aus sakraler Architektur und den botanischen Elementen. Diese Kombination hat die reiche Historie von Gucci auf eine unglaublich feinsinnige und atmosphärische Weise spürbar gemacht.

2. Molteni&C Garden

In der Via Senato 14 präsentierte Molteni&C die Outdoor-Kollektion 2026 im Rahmen der Installation „Responsive Nature“. Das vom Studio Elisa Ossino entworfene Konzept führte mich durch sechs unterschiedliche botanische Landschaften, die das Spannungsfeld zwischen menschlicher Gestaltung und unberührter Natur thematisierten. Kuratiert von Vincent Van Duysen, verschmolzen Architektur und Vegetation zu einer Einheit.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir der lichtdurchflutete „Garten von Eden“ im Säulenhof und die „Dritte Landschaft“, die als Rückzugsort für Artenvielfalt konzipiert war. Inmitten dieser atmosphärischen Szenerien traten neue Entwürfe wie die Serie Soleva von Van Duysen oder die Kollektion Pantalica von Elisa Ossino in einen Dialog mit Wassergärten und klar strukturierten Nutzgärten.
Was mich wirklich begeistert hat, war die gesamte Inszenierung: Diese verschiedenen botanischen Inseln erzeugten jeweils ihre eigene Stimmung, begleitet von einer natürlichen Klangkulisse. Für mich war das Ganze vor allem eine echte Ruheoase im Trubel der Design Week – ein Ort, an dem man kurz innehalten konnte und der trotz der vielen Eindrücke eine meditative Atmosphäre geschaffen hat.


3. Usbekischer Pavillon

Im Palazzo Citterio präsentierte die Uzbekistan Art and Culture Development Foundation (ACDF) die Installation „When Apricots Blossom“. Unter der Kuration des Architekten Kulapat Yantrasast rückte eine abstrakte Stahlstruktur ins Zentrum, welche die traditionelle Bauweise zentralasiatischer Jurten aufgriff und diese in ein offenes, modulares Gitter übersetzte. Begleitet wurde die Szenerie von handgefertigten Wandteppichen sowie Arbeiten namhafter Designer*innen wie Bethan Laura Wood. Diese Entwürfe verknüpften usbekisches Kunsthandwerk geschickt mit aktuellen ökologischen Fragestellungen.
Besonders faszinierend war für mich, wie ein jahrhundertealtes Konstruktionsprinzip hier so neu gedacht wurde. Die fast filigrane, skelettartige Struktur hat dem schweren Palazzo eine überraschend leichte, beinahe schwebende Atmosphäre verliehen.

4. CC-Tapis x Fornasetti

Anlässlich des Salone 2026 präsentiert die Ausstellung (META)FISICA eine bedeutende Kollektion von cc-tapis Teppichen, die in Zusammenarbeit mit dem historischen Mailänder Designhaus Fornasetti entstanden ist. Die Serie interpretiert eine Auswahl von Archivmotiven der Künstler Piero Fornasetti und seines Sohnes Barnaba Fornasetti neu, wobei Barnaba als Artistic Director und Hüter des Erbes seines Vaters diese historischen Materialien als Basis für neue Kreationen nutzt. Die labyrinthartige Schau in sechs Räumen wird durch eine Multi-Channel-Sound-Installation des katalanischen Künstlers Carlos Casas ergänzt, deren Klänge über maßgeschneiderte Lautsprecher von Giorgio di Salvo übertragen werden. Jedes der textilen Kunstwerke wird aus edlen Naturfasern wie Himalaya-Wolle oder Seide handgefertigt, wobei der Teppichklopfer als ironisches Logo die Verbindung von Tradition und Gegenwart symbolisiert.
Für mich war das eine der prägnantesten Positionen der Saison, weil CC-Tapis hier bewusst die klassische, rein textile Ebene verlässt. Die Teppiche wirkten nicht mehr wie weiche Objekte, sondern fast wie feste, räumliche Körper, die den Raum aktiv formen. Genau dieses Spiel mit Raumwirkung fand ich besonders überzeugend.



5. Palazzo Litta

Im Ehrenhof des Palazzo Litta hat Lina Ghotmeh im Rahmen der von MoscaPartners kuratierten Ausstellung „Design Variations“ ein architektonisches Statement gesetzt. Ihre großformatige Installation „Metamorphosis in Motion“ bestach durch eine kreisförmige, labyrinthartige Struktur aus modularen Holzelementen, die in feinen Rosatönen gehalten war. Das Design nutzte den historischen Rahmen als Bühne für ein Spiel aus Licht und Schatten, das die Wahrnehmung beim Hindurchgehen ständig verändert hat. Besonders spannend war dabei der Kontrast zwischen der strengen, barocken Architektur des Hofes und der weichen, fast organischen Formsprache.
Doch die Ausstellung ging weit über den Innenhof hinaus und bespielte die prachtvollen Säle des Palazzo mit einer Vielzahl an Positionen. Unter dem Leitmotiv der Transformation trafen hier innovative Materialstudien auf klassisches Handwerk. Von experimentellen Oberflächen bis hin zu zukunftsweisenden Interior-Objekten zeigten DesignerInnen und Unternehmen, wie sich traditionelle Ästhetik durch moderne Fertigungstechniken neu interpretieren lässt.
Die Kombination aus Lina Ghotmehs raumbildender Struktur im Zentrum und den detaillierten Exponaten in den umliegenden Räumen machte den Besuch zu einem Gesamterlebnis. Es war faszinierend zu beobachten, wie die unterschiedlichen DesignerInnen den Dialog mit der geschichtsträchtigen Kulisse suchten und dabei eine Brücke zwischen Beständigkeit und Wandel schlugen.





6. Jil Sander

In der Via Luca Beltrami hat Jil Sander gemeinsam mit dem Apartamento Magazine die „Reference Library“ realisiert – eine Installation, die eher wie ein physisches Archiv und ein ruhiger Lesesaal funktionierte. Erwartet hätte man vielleicht etwas anderes, umso überraschender war dieser Ansatz. Nicht Mode stand hier im Vordergrund, sondern Bücher, Magazine und ausgewählte Objekte, die den gedanklichen Kosmos der Marke greifbar machen. Die Gestaltung erinnerte an eine private Bibliothek und bot einen echten Rückzugsort mitten im Messetrubel. Es war ein Ort, an dem man kurz langsamer wurde und sich auf Inhalte konzentrieren konnte. Gerade diese Reduktion, so typisch für Jil Sander, hat mir besonders gefallen: nichts Lautes, nichts Überinszeniertes, sondern eine konsequente Konzentration auf das Wesentliche.
Für mich zeigt sich darin sehr deutlich: Jil Sander ist weniger Marke als Haltung. Es ist eine kuratierte Lebenswelt, in der Design selbstverständlich Teil des Alltags ist.

